
Albanien: Demonstrant über Strand geschleift – Proteste weiten sich aus

Seit zwei Wochen demonstrieren Tausende in Tirana gegen geplante Luxusressorts im Naturschutzgebiet. Ein Jurastudent fordert jetzt den Rücktritt von Premier Edi Rama.
Dumpf dröhnen die Trommeln in der Abenddämmerung. Rote Landesflaggen und rosa Papp- und Gummiflamingos an Holzstäben wogen über der ausgelassenen Menge, die in Albaniens Hauptstadt Tirana vor dem Regierungssitz schon seit knapp zwei Wochen den Aufstand gegen die als selbstherrlich und korrupt kritisierte Politikerkaste probt.
Blinkend schweben Video-Drohnen über die Köpfe der Demonstrierenden. Unablässig fordern rhythmische Sprechchöre den Abtritt von Premier Edi Rama oder gar seine Verhaftung: „Edi Rama – ab in den Knast!“
„Wind of Change: Berlin 1989, Tirana 2026“ lautet die Botschaft des Plakats, mit dem sich der dunkelhaarige Altenpfleger Ermal zum allabendlichen Protest-Happening aufgemacht hat. „Das ist unsere Mauer!“, sagt Ermal und weist auf den von einer Handvoll Gesetzeshütern gesicherten Regierungssitz mit den heruntergelassenen Fensterläden: „Diese Mauer, die noch immer in unseren Köpfen sitzt, muss fallen – und weg.“
Egal, ob früher Berisha oder nun Rama – „seit 36 Jahren haben hier frühere Kommunisten oder ihre Nachkommen das Sagen“, klagt Ermal. Doch es gehe bei den Protesten nicht nur um die von der Regierung geplanten Luxusressorts in den Naturschutzgebieten: „Die Leute haben genug, haben einfach das System satt, wo wenige Leute sich nehmen, was sie wollen, ohne sich um das Volk, das Recht und ihr Land zu scheren.“
Trump-Schwiegersohn plant Luxusressort
Der EU-Anwärter Albanien kommt nicht zur Ruhe. Längst sind die seit zwei Wochen anhaltenden „Flamingo-Proteste“ gegen zwei von einem Konsortium um Trump-Schwiegersohn Jared Kushner geplante Luxusressorts im Naturschutzgebiet des Vjosa-Narte-Deltas zu einem Aufstand gegen die Politelite des Landes mutiert: Der allgewaltige und seit 13 Jahren regierende Premier Edi Rama gerät zunehmend unter Rechtfertigungszwang.
Seiner schlechten Laune lässt der Dauerregent im schwarzen Pludergewand freien Lauf: Über ein „Meer von Lügen und Halbwahrheiten“, klagt in seinem allabendlich belagerten Amtssitz Albaniens „ewiger Edi“. Obwohl bereits Ende Mai Aufnahmen von sich über Dünen wälzenden Planierraupen durch die Webwelten schwirrten, negiert Rama hartnäckig den illegalen Beginn der Bauarbeiten: „Die Planungen sind noch keineswegs abgeschlossen. Es gibt weder ein Projekt noch wurde dafür irgendeine Genehmigung erteilt.“
Besorgte Umweltschutzverbände
Vom illegalen Bauvorhaben einer neuen, acht Kilometer langen Straße samt Brücke in dem bislang unberührten Rückzugs- und Brutgebiet unzähliger Vögel im Vjosa-Delta berichten hingegen Albaniens besorgte Umweltschutzverbände: Seit vor zwei Wochen bei Protesten aufgebrachter Anwohner:innen im Küstenort Zvernec unweit von Vlore ein Demonstrant von privaten Sicherheitskräften überwältigt über den Strand geschleift wurde, macht die Dauerprotestwelle der sogenannten „Flamingo-Revolution“ den in die Defensive geratenen Rama zunehmend zu schaffen.
Private Eigentümer hätten „überall auf der Welt“ das Recht, ihren Besitz abzuzäunen, grantelt der missmutige Premier in den weißen Turnschuhen. Albanien sei „keine verdammte Bananenrepublik“: Nur weil er Albanien mit Hilfe der geplanten Vier-Milliarden-Investition entwickeln wolle, werde er nun als „Flamingo-Killer“ dargestellt, der ohne viel Federlesens Inseln an Oligarchen verscheuern wolle, lamentiert Rama aufgebracht.
Mit ihren kräftigen Schnäbeln haben zwei Flamingos auf einem Protestplakat das hilflos in der Luft baumelnde Politikerduo Rama und Sali Berisha – den Ex-Präsidenten – am Schlawittchen gepackt. „Unser Ziel ist der Rücktritt des Regierungschefs“, sagt selbstbewusst Ardit Minarolli, einer der Organisatoren der Proteste. In 13 Jahren habe Rama „alles Mögliche versprochen“, so der Jurastudent: „Doch das Einzige, was er erreicht hat, ist, dass enorm viele Leute emigriert sind (…) und dass für diejenigen, die wie ich bleiben wollen, das Leben immer schwerer wird.“
Noch scheinen die Kräfte der Flamingo-Revolution begrenzt. Doch es mehren sich die Kratzer im Regentenlack. Weniger mit den Protesten als mit dem Verlust der Deutungshoheit im Web ist laut der Oppositionellen Jorida Tabaku die Nervosität von Rama zu erklären: „Er liebt es, der König der sozialen Netzwerke zu sein. Doch diese Position und diese Schlacht hat er bereits verloren.“
