Albanien lebt vom Tourismus – und hadert mit ihm – DiePresse.com
Das Potenzial ist immens – und zwar sowohl in positiver als auch in negativer Hinsicht. Nach Jahrzehnten der stalinistischen Abgeschiedenheit unter Diktator Enver Hoxha und einer katastrophal verlaufenen Nachwendezeit, als weite Teile der Bevölkerung nach dem Kollaps eines betrügerischen Pyramidensystems 1997 um ihr Erspartes gebracht wurden und daraufhin die Staatsstrukturen zusammenbrachen, ist Albanien endlich auf dem Weg nach oben – oder besser gesagt nach Europa, denn das an der Adriaküste zwischen Montenegro und Griechenland liegende Land macht sich große Hoffnungen, 2030 der Europäischen Union beitreten zu können.
Doch wie kann ein Land mit rund viereinhalb Millionen Bürgern, von denen gut zwei Millionen ins Ausland gezogen – bzw. vor der wirtschaftlichen Not geflüchtet – sind und das mit einem Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukt von zuletzt rund 10.000 Euro bzw. einer Gesamtwertschöpfung von 27,5 Mrd. Euro im Jahr 2025 zu den ärmsten Europas zählt (zum Vergleich: Österreichs BIP belief sich 2025 auf knapp 515 Mrd. Euro bzw. knapp 56.000 Euro pro Kopf) den Anschluss finden? Noch dazu, wo es über keine nennenswerten Industrien oder Ressourcen verfügt?
Die Antwort lautet: Fremdenverkehr. Und sie führt zurück zu dem eingangs erwähnten Potenzial Albaniens. Denn aufgrund der politisch aufoktroyierten Abgeschiedenheit und der zunächst ideologisch, dann armutsbedingten Rückständigkeit blieben dem Land touristische Sünden erspart, die man an den Stränden einiger traditioneller Urlaubsdestinationen in Südeuropa – die Stichworte dazu lauten Costa del Sol, Rimini, Antalya oder der bulgarische Sonnenstrand – zu sehen bekommt. Bereits jetzt, ohne eine entsprechend ausgebaute Infrastruktur und Verkehrsanbindung, ist der Tourismus zum bei Weitem wichtigsten Wirtschaftsfaktor Albaniens avanciert. Nach Berechnungen der Weltbank trug der Fremdenverkehr 2025 mit insgesamt gut zwölf Millionen gezählten Reisenden rund 22 Prozent zur Wirtschaftsleistung des Landes bei – international betrachtet ein überdurchschnittlich hoher Wert. Detail am Rande: Geldüberweisungen der ins Ausland gezogenen Albaner machten zuletzt immer noch gut acht Prozent des BIPs aus. Die Zahl ist allerdings umstritten, denn im Anfang Juni veröffentlichten Jahresbericht 2026 des internationalen Branchenverbands World Travel and Tourism Council wird der heurige BIP-Beitrag des Tourismus mit rekordverdächtigen 28,6 Prozent beziffert.
Unabhängig davon, wer nun die korrekteren Zahlen hat, steht und fällt in Albanien zwar nicht alles, aber doch vieles mit der Reisebranche: Abseits des Zwergstaats Andorra als Sonderfall bewegen sich in Europa nur Montenegro und Kroatien in ähnlichen Dimensionen, während der Beitrag des Fremdenverkehrs in den „klassischen“ Reiseländern Griechenland und Portugal zwischen zehn und 15 Prozent des BIPs rangiert. In Österreich lag der unmittelbare Beitrag der Tourismusindustrie zur heimischen Wertschöpfung bei zuletzt knapp viereinhalb BIP-Prozent.
»Wer gegen Luxustourismus protestiert, ist schlicht und ergreifend dumm.«
Edi Rama
Premierminister
Der Löwenanteil der Einnahmen (2025 lag der Anteil bei 81,7 Prozent) wird durch ausländische Besucher generiert. Die meisten Albanien-Besucher kommen aus der näheren Umgebung – nämlich aus Italien (elf Prozent aller Touristen), Griechenland (7%), Montenegro und Nordmazedonien (jeweils 6%). Ihre Bewirtung und Unterbringung sorgte 2025 landesweit für 294.000 Arbeitsplätze.
Für die Regierung des sozialistischen Langzeit-Premiers Edi Rama ist das Ende der Fahnenstange damit noch lange nicht erreicht. Bis 2030 soll die Zahl der in dem Sektor beschäftigten Albaner um 73 Prozent gegenüber dem Stand von 2023 steigen und sich die Steuereinnahmen aus dem Tourismus vervierfachen, heißt es in einem Bericht zur Attraktivität des Investitionsstandorts Albanien.
Der Quantensprung soll demnach dank einer Fokussierung auf den Hochpreissektor und auf nachhaltigen – sprich die Natur schonenden – Tourismus gelingen. In der Investitionsbroschüre aus dem Jahr 2025 wird die Tatsache positiv hervorgehoben, dass Albanien mit Mirela Kumbaro Furxhi eine Ministerin hat, die sowohl für Umwelt als auch für den Tourismus zuständig ist – was „innovative politische Ansätze ermöglicht“, wie es darin heißt. Und Premier Rama selbst – ein ehemaliger Künstler und erklärter Ästhet – betont wiederholt, dass in Albanien ausschließlich qualitativ hochwertige Tourismusprojekte entwickelt werden sollen.
Während die beiden Agenden Umwelt und Tourismus in der Zwischenzeit wieder auf zwei Ministerien aufgeteilt wurden, verewigte Rama seinen Zukunftsvision in einem beim Schweizer Kunstverlag Lars Müller Publishers erschienenen Band „The Albanian Files“, der 60 Entwürfe renommierter internationaler Architekturbüros zeigt. „Der Besucher eines Luxus-Resorts bringt mehr Einnahmen und hinterlässt einen kleineren CO2-Fußabdruck als ein Pauschalreisender. Wer in Albanien gegen Luxustourismus protestiert, ist schlicht und ergreifend dumm“, wetterte der Premier Anfang Juni bei einem Gespräch mit europäischen Journalisten in Tirana.
»Albaniens Infrastruktur ist nicht gut genug, um ausschließlich auf Luxus zu setzen.«
Olivia Gega
Hotelbetreiberin
Während Rama alles auf die goldene Karte setzt und Albanien zu einer High-End-Destination für betuchte Besucher aus aller Welt entwickeln möchte, sind praktizierende albanische Touristiker deutlich skeptischer. „Wir brauchen ein breites Spektrum an Möglichkeiten, um Besucher zu empfangen“, sagt etwa Anisa Veliu, die im Bergdorf Berat, das zum UNESCO-Welterbe zählt, das Fünfsternehotel Colombo managt. „An einem Ort wie Berat würde reiner Luxustourismus nicht funktionieren.“ Und die Hotelbetreiberin gibt noch etwas zu bedenken: „Junge Touristen, die heute wenig Geld haben, können später in ihrem Berufsleben in der Lage sein, sich mehr Luxus zu gönnen.“
Auch Olivia Gega, die in dem Bergdorf zwei Hotels betreibt und ihr Leben zwischen Berat und Amsterdam aufteilt, ist kritisch. „Albaniens Infrastruktur ist nicht gut genug, um auschließlich auf Luxus zu setzen. Es droht sonst die Gefahr einer Kluft zwischen Preis und Leistung.“ Außerdem dürfe man nicht zulassen, dass sich die Albaner selbst keinen Urlaub mehr in ihrem eigenen Land leisten könnten, weil alles auf vermögende Ausländer ausgerichtet sei.
Genau diese Gefahr ist mit ein Grund für die seit Wochen anhaltenden Straßenproteste gegen Rama im Speziellen und Albaniens politisches Establishment im Allgemeinen. Ausgelöst wurden die Demonstrationen ausgerechnet durch Ivanka Trump, die Tochter von US-Präsident Donald Trump, und ihren Mann Jared Kushner. Die beiden sollen sich in die albanische Küste derart verliebt haben, dass sie dort in Luxus-Resorts investieren wollen – und zwar ausgerechnet im Naturschutzgebiet Zvërnec und auf Sazan, der einzigen Insel Albaniens.
Die Wogen gingen hoch, nachdem in Zvërnec im Mai mit Bauarbeiten begonnen wurde, ohne dass das konkrete Projekt – von dem die Regierung behauptet, dass es noch nicht existiert – einer Umweltverträglichkeitsprüfung unterzogen wurde. Durch eine Gesetzesänderung 2024 wurden Tourismusprojekte in Schutzzonen unter Auflagen möglich, und ein Gesetz über strategische Investitionen – und das mit vier bis fünf Mrd. Euro taxierte Bauvorhaben, das unter anderem Hotels, Villen, Luxus-Apartments, ein Shopping-Center, einen Golfplatz und einen Jachthafen umfasst, zählt dazu – vereinfacht den Genehmigungsprozess und erschwert den Einspruch.
»Ich sehe keine Möglichkeit für ein touristisches Projekt in Zvërnec, ohne das Ökosystem zu beeinträchtigen.«
Taulant Bino
Ornithologe
Mit den Flamingos, die in dem Naturschutzgebiet ihre Nistplätze haben, wurde rasch ein Symbol für die Proteste gefunden. Und diese sogenannte „Flamingo-Revolution“ richtet sich mittlerweile nicht nur gegen die Person Edi Rama, sondern gegen vermeintliche Korruption, Günstlingswirtschaft und den Ausverkauf des Landes. Neben Kushner sollen zwei syrische Investoren aus Katar und das albanische Industriekonglomerat Kastrati Group mit dabei sein. Hinzu kommt, dass die Eigentumsverhältnisse ungeklärt sind, da Albanien über kein modernes Grundbuch verfügt und die Bewohner des gleichnamigen Dorfs Zvërnec die Rechte am Grund für sich beeinspruchen.
Und zu guter Letzt hat die albanische Antikorruptionsbehörde SPAK Ende Juni im Zuge einer Untersuchung des internationalen Kokainhandels 20 Haftbefehle beantragt, von denen einige in Zusammenhang mit einem Bauprojekt stehen könnten – es geht um den Verdacht, dass Drogengeld mittels Investitionen in Immobilienprojekte gewaschen werden soll. Im Global Organized Crime Index 2025 wird im Albanien-Kapitel explizit darauf hingewiesen, dass die albanische Bau- und Immobilienbranche wegen mangelhafter Aufsicht besonders anfällig für kriminelle Machenschaften ist.
Doch zurück nach Tirana: Seit dem Ausbruch der Proteste betont Premier Rama unermüdlich, dass die Demonstranten fehlinformiert seien und dass das gigantische Immo-Projekt die Natur in Zvërnec sogar noch verbessern werde. Taulant Bino, Vorsitzender der ornithologischen Gesellschaft Albaniens und einer der besten Flamingoexperten des Landes, hält das Argument für fadenscheinig: „Ich sehe keine Möglichkeit, ein touristisches Projekt in dem Gebiet zu errichten, ohne das Ökosystem und die Habitate der Vögel zu beschädigen.“
Der Naturwissenschaftler geht davon aus, dass Rama das Projekt schnell durchpeitschen will, bevor er das Gesetz über strategische Investitionen ändern muss, weil es nicht EU-konform ist und den Beitrittsprozess zum Stillstand bringen könnte. Denselben Verdacht hegen auch Diplomaten aus EU-Ländern in Tirana. „Albanien unter Rama erinnert mich ein wenig an das Motto des Kirchenvaters Augustinus: Herr gib mir Keuschheit, aber noch nicht jetzt“, kommentiert süffisant ein europäischer Vertreter.
Compliance-Hinweis: Die Kosten der Reise nach Albanien wurden von der EU-Kommission übernommen.
