Albanien Reisen: Die besten Geheimtipps, Hotels, Essen und Sehenswürdigkeiten
Noch wird Albanien als Geheimtipp gehandelt – aber nicht mehr lange. Das Balkanland boomt wie kein anderes in der Region. Höchste Zeit, seine ursprünglichen Landschaften zu entdecken und sich von der Aufbruchsstimmung anstecken zu lassen.
Die Treppen führen geradewegs in den Himmel. Stufe um Stufe nähert man sich den Wolken, bis man meint, nach den Sternen greifen zu können. Und das machen die Einwohner Albaniens derzeit auch, mit ausgestrecktem Arm. Vom Boulevard der Märtyrer der Nation aus wirken die Menschen, die das weisse Konstrukt hinaufklettern, wie Insekten. Gottesanbeterinnen aus Fleisch und Blut. Die Pyramide im Herzen Tiranas symbolisiert wie kein anderes Gebäude den Neuanfang Albaniens.
Als das Rotterdamer Architekturbüro MVRDV sie im Herbst 2023 nach zwei Jahren Umbauzeit der Öffentlichkeit wieder zugänglich machte, präsentierte es ein Wolkenkuckucksheim, das keines mehr ist. Wo einst einem Despoten gehuldigt wurde, wird jetzt an der Zukunft getüftelt: Im Inneren der Pyramide werden Fortbildungskurse für neue Technologien angeboten, in die bunten Würfel drumherum sind Startups eingezogen.
Die imposante Pyramide des Diktators ist heute ein Kultur- und Bildungszentrum.
Der brutalistische Bau aus dem Jahr 1988 war das teuerste Gebäude, das die Sozialistische Volksrepublik Albanien errichten liess. Ein Betonkoloss, genauso übermächtig wie der Diktator Enver Hoxha, dem er ursprünglich als letzte Ruhestätte dienen sollte. Mehr als 40 Jahre lang tyrannisierte Hoxha sein Volk, isolierte Albanien so lange, bis es nur noch ein blinder Fleck auf der Weltkarte war. Eine Region non grata, eingekerkert zwischen Montenegro, Kosovo, Nordmazedonien und Griechenland. Durchzogen von einem Netz aus Bunkern, die vor nicht vorhandenen Gegnern schützen sollten, vor einem Einmarsch, der nie erfolgte. Ein Land, in dem es weder ein Heraus noch ein Hinein gab, und wenn, dann nur, wenn der Bart an der Grenze abrasiert wurde.
Sehenswürdigkeiten
Gjirokastra
Eine der ältesten Städte des Landes ist Unesco-Weltkulturerbe. Die Beinamen «Stadt der Steine» und «Stadt der 1000 Stufen» verdankt Gjirokastra seinem einzigartigen Stadtbild.
Butrint
Inmitten eines Nationalparks liegt diese antike Ruinenstadt, die zum Unesco- Weltkulturerbe gehört. 2500 Jahre Geschichte, in der Griechen, Römer und Byzantiner ihre Spuren hinterlassen haben.
Explodierende Besucherzahlen
Als die Schreckensherrschaft mit Hoxhas Tod endete und sich Albanien 1991 vom Kommunismus lossagte, kam – das grosse Nichts. Ein Land in Schockstarre. Das Zeit brauchte, bis die Wunden der Vergangenheit verheilt waren. Und das jetzt, rund 30 Jahre später, den Turbo gezündet hat.
In den letzten fünf Jahren sind die Besucherzahlen von 2,6 Millionen auf 12,4 Millionen explodiert – fast das Fünffache der Bevölkerung. Neue Unterkünfte wurden geschaffen, Strassen und Tunnel gebaut, in hippen Cafés wird Freddo Cappuccino geschlürft. Aus dem Radio trällert Adriano Celentano, ist Italiens Küste an der nächstgelegenen Stelle doch nur 72 Kilometer entfernt – das mediterrane Lebensgefühl gibt es gratis dazu.
«Albanien ist eines der dynamischsten Länder in der Region. Man merkt, dass die Menschen ihr Land mit ganz viel Leidenschaft voranbringen wollen, sie sind sprachgewandt und interessieren sich fürs Ausland», erzählt die Schweizer Botschafterin Ruth Huber. Seit 2022 koordiniert sie in Tirana das Schweizer Kooperationsprogramm für Albanien, das Entwicklungsinitiativen und nachhaltigen Tourismus fördert. «Albanien möchte unbedingt in die EU, wir unterstützen die dazu notwendigen Reformen. Es ist ein ungewöhnlich weltoffenes Land, man spürt die Aufbruchstimmung.»
Kulinarik
Harmony, Saranda
Chef Genti Skendaj, einer der besten Köche Albaniens, verwöhnt mit modern interpretierten albanischen Klassikern in tollem Ambiente, das von Skendajs Zeit auf Mykonos inspiriert ist.
Luciano, Dhërmi
Einer der attraktivsten Orte fürs Nachtessen in Dhërmi befindet sich am Anfang der Seepromenade, direkt über dem Meer. Fisch und Meeresfrüchte unter freiem Himmel.
Alpeta Agrotourism & Winery, Roshnik
Das familiengeführte Weingut Alpeta liegt in den Hügeln von Roshnik. Neben regionalen Spezialitäten und den mehrfach ausgezeichneten Weinen bietet Alpeta einen eigenen Naturbadesee.
Demokratie kann eine Interpretationssache sein
Und man sieht sie. Die Hauptstadt Tirana gleicht einer Grossbaustelle, zwischen den Plattenbauten und blau bemützten Minaretten ragen Kräne hervor. Es herrscht Goldgräberstimmung, vor allem bei ausländischen Investoren: Der Schweizer Architekt Valerio Olgiati hat den Entwurf für das zweithöchste Gebäude Europas vorgelegt, das dänische Architekturbüro BIG zieht derzeit das neue Nationaltheater hoch, nachdem das alte in einer Nacht- und Nebelaktion abgerissen wurde – manchmal ist Demokratie auch Interpretationssache.
Tradition trifft auf Moderne in der Hauptstadt Tirana.
MVRDV hat neben der Pyramide auch das «Skanderberg Building» entworfen, als Konterfei des Nationalhelden. Mutig zeigte dieser auch Gesicht, als es hiess, sich den Osmanen entgegenzustellen. Der nach ihm benannte Skanderberg-Platz ist das alte und neue Herz der Stadt. An der Riviera, die sich von Ksamil bis hoch nach Vlora zieht, soll noch dieses Jahr der grösste internationale Flughafen des Balkans den Betrieb aufnehmen. Inmitten eines Naturschutzgebietes – die Proteste von Umweltschützern gingen bislang unter im Prasseln des Geldregens, den sich die Regierung von künftigen Langstreckenfliegern verspricht.
Denn der Süden Albaniens gilt als Badeparadies: Kristallklares Wasser und zerklüftete Felsbuchten ziehen jeden Sommer Tausende sonnenhungrige Touristen an. Dann herrscht Gedränge an den Promenaden von Dhërmi und Saranda, ist in den schicken neuen Boutiquehotels kaum noch ein Bett zu bekommen. Oder eine Villa im Kep Merli, das sich in den Hügeln oberhalb des Meeres versteckt. Die britisch-albanische Sängerin Dua Lipa bucht sich in dem Fünfsterneresort regelmässig ein.
Es hat 2021 eröffnet – und womöglich Jared Kushner auf dumme Gedanken gebracht: Trumps Schwiegersohn plant, aus der naturbelassenen ehemaligen Militärinsel Sazan westlich von Vlora eine Luxusdestination zu machen.
Blick auf Pool und Strand des Hotels Buzë in Saranda.
Nalu Beach Bar & Lounge am Strand von Lukova.
Albanien ist dermassen im Aufwind, dass man ihm wie einem geliebten Kind zurufen möchte: Pass auf, nicht unter die Räder zu kommen! Picknickten an den Kieselstränden bis vor kurzem noch Familien, so beschallen jetzt in der Hauptsaison Beach Clubs die Buchten. Seinen Zauber entfaltet Albanien aber ohnehin im Landesinneren, wenn man Richtung Gebirge abbiegt. Auf einmal ist das Zirpen der Zikaden der einzige Soundtrack, der einen begleitet, der Acappella-Sommerhit schlechthin. Am Strassenrand bieten Bauern Wassermelonen feil, im Schatten von Olivenbäumen scheren Schäfer ihre Tiere, Ziegenherden grasen an Bergflanken, und man muss aufpassen, nicht aus Versehen eine Schildkröte als blinden Passagier mitzunehmen.
Erst 2023 hat Ministerpräsident Edi Rama die Vjosa, einen der letzten Wildflüsse Europas, zum Nationalpark erklärt. In den Stromschnellen paddeln Rafting-Gruppen, in den Canyons der Zuflüsse kraxeln Wanderer.
Häkeldecken und Relikte aus dem Kommunismus
Fett eingekringelt im Reiseführer ist das Dorf Gjirokastra, eines der ältesten Albaniens. Nicht etwa, weil Diktator Hoxha hier das Licht der Welt erblickte oder der Schriftsteller Ismail Kadare. Seit 2005 gehört Gjirokastra zum Unesco-Welterbe. Die Häuser mit ihren hölzernen Balkonen und steingedeckten Dächern wurden um 1800 im osmanischen Stil erbaut. Vor Eingangstüren hängen Häkeldecken, Antikläden bieten auf dem Kopfsteinpflaster Relikte aus der kommunistischen Ära feil, in Souvenirshops werden Tassen mit der Nationalflagge verkauft, schwarzer Adler auf rotem Grund.
Gjirokastra liegt im Drinotal, eingekesselt vom Gebirge Mali i Gjerë, an dessen Hänge es sich klammert. Am Abend spürt man in den Waden, warum sie die «Stadt der 1000 Stufen» genannt wird. Ob sich ein findiger Marketingfachmann daraufhin überlegt hat, Berat den Beinamen die «Stadt der 1000 Fenster» zu verpassen? Nötig hätte der Ort am Fluss Osum solche Manöver nicht, treffen hier doch die alte und die neue Welt aufeinander.
Die Strassen schlängeln sich steil den Hügel hoch.
Plattenbauten säumen den Bulevardi Republika, in Boutiquen baumeln gefälschte Prada-T-Shirts, als würden sie dem Sozialismus zurufen: «Bätsch, nimm das!». Im Altstadtviertel Mangalem stapeln sich jahrhundertealte Häuser, deren Fenster nahezu gleich gross sind, den Hang hinauf. Die benachbarte Junggesellenmoschee aus dem Jahr 1829 wurde während der kommunistischen Herrschaft kurzerhand als Tischtennishalle zweckentfremdet: Statt Gebetsgemurmel flogen kleine weisse Bälle hin und her. War jegliche Religion im Kommunismus doch untersagt. Vielleicht auch ein Grund, warum Albanien zwar zu zwei Dritteln muslimisch ist, man aber so gut wie keine Kopftücher sieht.
Muslime, Christen und Katholiken leben friedlich mit- und nebeneinander, ein Vorbild für manch andere Region. Rund um Berat liegen einige der besten Weingüter des Landes. Zahlenmässig ist die Weinproduktion in Albanien (noch) überschaubar, aber «die Qualität ist sehr gut und die Reputation wächst stark. Der meiste Wein kommt aus kleinen, familiengeführten Weingütern», erzählt Elion Fiska.
Hotels
Buzë Hotel, Saranda
Modernes Boutiquehotel mit Privatbucht am Rande von Saranda. Wer bei dem hervorragenden Frühstück nicht aufpasst, vergisst glatt, dass es noch ein ganzes Land zu entdecken gibt.
La Brisa Hotel, Dhërmi
Das Designhotel besitzt grosszügige Zimmer und einen Strandabschnitt mit eigenen Liegen. Die quirlige Promenade liegt direkt vor der Tür. Einziges Manko: Erst ab Mitternacht wird es ruhig. Bald eröffnet ein zweiter Komplex.
Hotel Mangalemi, Berat
Im ersten privaten Hotel in Berat nach dem Zusammenbruch des Kommunismus nächtigt man umgeben von Geschichte. Das Familienhotel punktet mit charmanten Gastgebern und einem attraktiven Preis-Leistungs-Verhältnis.
Maritim Hotel Plaza, Tirana
Wolkenkratzer im Zentrum mit Spa und Rooftop-Etage im Zentrum. Perfekte Lage, um die Metropole zu erkunden. Besonders toll: die grosszügigen Eckzimmer in den höheren Etagen.
Sein Grossvater gründete 1994 das Weingut Alpeta. In Roshnik, wo die albanische Traube Pulës erstmals gezüchtet wurde. «Unser Weisswein ist der erste albanische Wein, der im Sternerestaurant von Paul Bocuse ausgeschenkt wird», erzählt Elion, der seinen Vater Beqir tatkräftig beim Anbau unterstützt. Die Trauben sind besonders aromatisch: Die heissen Sommer sorgen für einen hohen Zuckergehalt und der Tomorri, einer der höchsten Berge im Süden des Landes, bringt selbst im Juli und August an einigen Tagen Wolken und Regen.
Nach dem Ende des Kommunismus wurde das Land unter der Bevölkerung aufgeteilt, seitdem spriessen kleine Landwirtschaftsbetriebe wie Pilze aus dem Boden. Ganz nach dem Geschmack des «Global Sustainable Tourism Council», der nachhaltigen Tourismus fördert. Seit Ende 2024 ist Albanien Mitglied der gemeinnützigen Organisation. 2018 wurde Alpeta als erster zertifizierter Agrotourismus Albaniens ausgezeichnet. Gerade hat eine Gruppe Backpacker eingecheckt, machen sich die Jugendlichen jauchzend auf den Weg zum See, um zu schwimmen, Kanu zu fahren oder einfach in der Hängematte zu baumeln.
Das Weingut Alpeta serviert hausgemachte Köstlichkeiten.
Im Hofrestaurant tischen die Kellner Djathë-i-bardhë-Käse, gefüllte Weinblätter und Reisbällchen auf. Serviert mit einem Lächeln, das einem fast überall im Hinterland empfängt. Elion erklärt, warum: «Wir Albaner haben die professionelle Tourismusindustrie nie gelernt, sie wurde uns nicht beigebracht. Wir begrüssen den Gast so, als sei er unser persönlicher.» In Albanien ist man nur zu gerne einer.
Mehr Informationen
Anreise
Für die Slow-Travel-Variante mit dem Zug oder Auto bis nach Brindisi und von dort mit der Fähre nach Albanien. Eiligen bietet Swiss Direktflüge von Zürich nach Tirana an.
Reiseveranstalter
Der Reiseveranstalter Albanien Reisen mit Sitz in Olten wurde 2017 von Saimir Shala, einem Schweizer mit albanischen Wurzeln, und seiner Partnerin Aylin Bakir aus Liebe zu seiner Heimat gegründet. Sie kennen jede Ecke des Landes und bieten sowohl massgeschneiderte Individualreisen wie auch Gruppenreisen an. Besonders beliebt sind die geführten Wander- und Kulturreisen. Die persönliche Beratung und der ausgezeichnete Service machen den Spezialisten zur ersten Wahl. Albanien Reisen besitzt auch eine eigene Flotte an Mietwagen.
Dieser Artikel ist im Rahmen der «NZZaS»-Beilage «Reisen» erschienen, die von NZZ Content Creation erstellt wird.
