
Albanien: Will die Flamingo-Bewegung Edi Rama stürzen?
Während in Tirana Tausende meist junger Demonstranten Abend für Abend auf die Straße gehen, ist an der albanischen Riviera Hochsaison. Der hartnäckige Protest in der Hauptstadt und der davon gänzlich unberührte Ferienrummel an der Küste hängen zusammen. Auslöser der Demonstrationen sind zwei Projekte für Luxusresorts an einem Abschnitt der Riviera, wo sich heute in einem Landschaftsschutzgebiet Flamingos und zahlreiche andere Vogelarten tummeln.
Die Wasservögel mit dem rosa Gefieder, den grazilen Beinen und den geschwungenen Hälsen haben der Protestbewegung, die vor gut einem Monat begann, Symbol und Namen gegeben. Manche wollen schon den Beginn einer „Flamingo-Revolution“ und den nahenden Sturz von Regierungschef Edi Rama ausgemacht haben. Der 62 Jahre alte Politiker und Künstler ist seit 2013 an der Macht, so lange wie kein anderer Ministerpräsident seit dem Fall des Kommunismus im Jahr 1990. Zwischen 2000 und 2011 war Rama, der aus einer regimetreuen Familie stammt, Bürgermeister von Tirana.
Zum Chef der Sozialistischen Partei, Nachfolgerin der kommunistischen Partei der Arbeit Albaniens, wurde er 2005 gewählt.
Erlebt der flamboyante und eloquente Politiker, der habituell weiße Turnschuhe trägt und viele Jahre der Liebling westlicher Medien und liberaler Intellektueller war, die Dämmerung seiner Herrschaft? Rama versichert, er genieße weiter das Vertrauen der meisten Albaner. Die hätten ihm, zuletzt bei den Parlamentswahlen von 2025 mit 868.000 Stimmen, die Erfüllung einer nationalen Mission aufgetragen: den EU-Beitritt bis 2030.
Die Riviera Albaniens im Süden des Landes erstreckt sich auf gut 150 Kilometern vom Tourismus- und Geschäftszentrum Vlora über die Städte Himara, Saranda und Ksamil bis zur griechischen Grenze. Längst ist der kleine Balkanstaat kein Geheimtipp mehr. Albaniens Fremdenverkehr boomt. In diesem Jahr könnte die Schwelle von 13 Millionen Besuchern überschritten werden. Für ein Land mit gerade einmal 2,4 Millionen Einwohnern ist das eine ganze Menge. Und es sollen in den kommenden Jahren noch mehr werden.
Fiel jemand in Ungnade, wurde er mit der Familie deportiert
Gut vier Jahrzehnte lang hatte der Diktator Enver Hoxha (1908 bis 1985) Albanien fast vollständig von der Außenwelt abgeschottet. In Hoxhas Steinzeitkommunismus waren Privatautos und Wohneigentum verboten. Es herrschte bittere Armut. Fast 10.000 Menschen ließ Hoxha während seiner Regierungszeit von 1944 bis 1985 hinrichten. Bis zu 300.000 Menschen, rund ein Drittel der damaligen Bevölkerung, fristeten in den albanischen Gulags ein Leben hinter Stacheldraht. Wenn jemand in Ungnade fiel, wurde er mit der gesamten Familie deportiert. Viele kehrten aus den Straf- und Arbeitslagern nie wieder zurück.

Im Überfluss gab es im Schreckensreich des Psychopathen Hoxha nur Betonbunker zur Abwehr einer phantasierten Invasion durch fiktive Gegner: Welche feindliche Macht hätte Interesse an diesem Jammertal haben sollen? Rund 200.000 Bunker sollen zwischen 1972 und 1984 gebaut worden sein. Manche Schätzungen reichen bis zu 750.000 Bunkern. Die Pockennarben der Jahrhundertkrankheit Totalitarismus sind bis heute zu sehen, über das ganze Land verstreut.
Hoxha hatte Albanien so gründlich heruntergewirtschaftet, dass es eine Generation brauchte, um das Land einigermaßen an den Lebensstandard der Region heranzuführen. Noch heute verlassen junge Albaner das Land, weil sie in ihrer Heimat keine Zukunft für sich sehen. Doch heute gehört Albanien auch zu den Urlaubsdestinationen mit dem höchsten Besucherzuwachs am Mittelmeer.
In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Zahl ausländischer Touristen verdreifacht. Inzwischen generiert der Fremdenverkehr rund ein Viertel der albanischen Wirtschaftskraft, Tendenz steigend. Unter Ramas Führung hat sich die Wirtschaftsleistung Albaniens von etwa zehn Milliarden Euro im Jahr 2013 auf 27 Milliarden Euro im vergangenen Jahr fast verdreifacht. Wichtigster Wachstumstreiber ist der Fremdenverkehr.
Durch gestaltlose Strandbäder dauerhaft verhunzt
Albanien braucht den Tourismus, darüber gibt es keinen Grundsatzstreit. Aber welche Art von Fremdenverkehr und welche Art von Wachstum? Mancherorts stechen die Folgen des „Overtourism“ ins Auge. In den Sommermonaten platzt der Flughafen der Hauptstadt aus allen Nähten. Jede Ausbau- und Modernisierungsstufe des Tirana International Airport, benannt nach der heiligen Mutter Teresa (1910 bis 1997), ist zum Zeitpunkt ihrer Fertigstellung angesichts des stetig wachsenden Passagieraufkommens schon wieder unzulänglich.

Städte wie Saranda und Ksamil im Süden, aber auch Shëngjin im Norden – das Urlaubsparadies der ethnischen Albaner aus den Nachbarländern Kosovo und Nordmazedonien – sind durch hingeknallte Bettenburgen und gestaltlose Strandbäder dauerhaft verhunzt. Im Sommer ist der Straßenverkehr dort chaotisch. Im Ballungszentrum Tirana und nahe der Hafenstadt Durrës sieht es nicht besser aus.
Um die knappe Ressource Süßwasser gibt es einen scharfen Verteilungskampf zwischen den Interessen des Fremdenverkehrs und des Naturschutzes, zwischen Küste und bergigem Hinterland. Namentlich im Südwesten des Landes, wo die Vjosa fließt. Der letzte Wildfluss Europas entspringt im griechischen Epirus-Gebirge, schlängelt sich erst durch enge Täler, mäandert dann in Hochebenen, ehe er nahe Vlora schließlich die Lagune von Narta bildet und in einem breiten Delta in die Adria mündet. 2023 hat die Regierung in Tirana den gesamten Verlauf der Vjosa auf albanischem Territorium, vom Oberlauf bis zum Delta, zum Nationalpark erklärt und damit einen Meilenstein im Umwelt- und Naturschutz gesetzt.
Willkommen also im Vjosadelta und in der Lagune von Narta. Dort kann man nebst Krauskopfpelikanen und Blässhühnern, Spießenten und Korallenmöwen nicht nur bis zu 3000 Flamingos beobachten, sondern auch beispielhaft den Streit um die Zukunft des albanischen Fremdenverkehrs. Der verschlafene Weiler Zvërnec liegt am südlichen Ende der Lagune von Narta auf einer langgestreckten Landzunge. Die enge Straße parallel zur Küste führt durch einen dichten Pinienwald. Zwischen den Bäumen parken Autos und Camper.
Der Wildfluss Vjosa gleicht an manchen Stellen einer Müllhalde
Fliegende Händler bieten Luftmatratzen, Schwimmringe und allerlei Gerätschaften für den Sport am Strand und im Wasser feil. Mit ihrem Abfall nehmen es die überwiegend einheimischen Sommerfrischler im Landschaftsschutzgebiet Vjosa-Narta nicht so genau – wie die Albaner insgesamt in ihrem schönen, aber vielerorts vermüllten Land. Auch der geschützte Wildfluss Vjosa, an dessen Ufern örtliche Tourenanbieter den sanften Fremdenverkehr mit Wandern, Angeln und Rafting voranzubringen versuchen, gleicht an manchen Stellen einer Müllhalde.

Auf einer winzigen Insel am äußersten Ende der Landzunge von Zvërnec liegt ein orthodoxes Marienkloster aus dem 14. Jahrhundert. Es ist durch einen geschwungenen Holzsteg mit dem Festland verbunden. Wenn man Glück hat, kann man von hier aus, durch das Hitzeflimmern über der Lagune, den Flamingos dabei zusehen, wie sie durchs kniehohe Brackwasser staksen und auf der Suche nach Salinenkrebsen ihre Köpfe fortgesetzt ins Wasser tauchen.
Hier auf der Halbinsel Zvërnec sowie auf der vorgelagerten Insel Sazan will das Unternehmen Affinity Partners, das unter Führung von Donald Trumps Schwiegersohn Jared Kushner über Investitionsmittel aus Qatar und Saudi-Arabien in Höhe von bis zu vier Milliarden Euro verfügen soll, zwei Luxusresorts entwickeln. Ende Mai wurden für den Bau von Zufahrtsstraßen und die Trockenlegung von Feuchtland Absperrgitter errichtet. Angestellte eines privaten Sicherheitsunternehmens drängten Demonstranten vom Bauzaun zurück. Handyaufnahmen des Einsatzes, bei dem ein Demonstrant von einem Wachmann über den Schotter gezerrt wurde, gingen viral und lösten die ersten Proteste in Tirana aus.
Inzwischen wurde der Bauzaun wieder abgebaut. Die Trassierungs- und Drainagearbeiten scheinen zu ruhen. Vor albanischen Gerichten gibt es Streit um die Eigentumsrechte an dem Privatland. Auch für die vorgelagerte Insel Sazan, eine derzeit unbewohnte ehemalige Militärbasis im Staatsbesitz, gibt es ein Fremdenverkehrsprojekt im Luxussegment von Affinity Partners. Entstehen sollen Fünfsternehotels, Villen und Apartmentanlagen, ein Yachthafen und Poollandschaften.
Um die Entwicklung des Gebiets um Zvërnec und auf Sazan für den Fremdenverkehr zu öffnen, hat das von Ramas Sozialisten dominierte Parlament Anfang 2024 das Gesetz zum Natur- und Landschaftsschutz angepasst – beziehungsweise aufgeweicht, wie Kritiker sagen. Investitionsvorhaben von „strategischer Bedeutung“ können auch in Schutzgebieten verwirklicht werden, wenn bestimmte Kriterien erfüllt sind.
Wechsel der Regierung oder des Systems?
So müssen mindestens tausend feste Arbeitsplätze geschaffen sowie einschlägige Naturschutzbestimmungen eingehalten werden. Diese Bedingungen sollen die Projekte Kushners erfüllen, endgültige Pläne liegen aber noch nicht vor. Das Europaparlament hat am 17. Juni in einer Abstimmung zum Fortschrittsbericht der Beitrittsverhandlungen mit Tirana mit breiter Mehrheit ein Moratorium für neue Genehmigungsverfahren sowie für Bauarbeiten und Entwicklungsmaßnahmen in Schutzgebieten gefordert. Die Bestimmungen des Anfang 2024 geänderten albanischen Gesetzes über Schutzgebiete sollen ebenfalls ausgesetzt werden, bis deren vollständige Übereinstimmung mit EU-Naturschutzstandards festgestellt ist.

Derweil sind die Fronten zwischen der Protestbewegung und der Regierung verhärtet. Zu den Demonstranten gehören viele junge Leute der Generation Z, die in ihrem bewussten Leben nichts anderes kennengelernt haben als die Herrschaft Ramas und der Sozialisten. „Albanien steht nicht zum Verkauf“, lautet die maßgebliche Parole bei den Protesten. Der Regierung werfen die Demonstranten im konkreten Fall der Kushner-Projekte Intransparenz und Inkonsistenz vor, im Allgemeinen Korruption und Vetternwirtschaft.
Tatsächlich sind einige der engsten Mitstreiter Ramas ins Visier der albanischen Sonderermittler gegen Korruption und organisierte Kriminalität (SPAK) geraten, unter ihnen zwei ehemalige Vizeregierungschefs sowie Erion Veliaj, Bürgermeister von Tirana und politischer Ziehsohn Ramas, der seit anderthalb Jahren in Untersuchungshaft sitzt. Aber auch in die parlamentarische Opposition, zumal die konservative Demokratische Partei unter dem inzwischen 81 Jahre alten ehemaligen Präsidenten und Regierungschef Sali Berisha, setzt die Flamingo-Bewegung keine Hoffnung. Die Flamingos wollen keinen Regierungswechsel, sie wollen eine Art Systemwechsel.
Rama weist die Forderung nach einem Stopp der Projekte und nach seinem Rücktritt brüsk zurück. In Interviews mit albanischen und internationalen Medien lässt er den Demonstranten ausrichten, man könne nicht einfach „eines schönen Tages aufwachen und sagen, ich will, dass die Regierung zurücktritt. So läuft das nicht. Ihr müsst schon bis zu den nächsten Wahlen warten.“ Und was die Projekte auf Privatland bei Zvërnec und für die Insel Sazan im Staatsbesitz betreffe, so lägen weder für das eine noch das andere endgültige Pläne vor. Schon im Vorhinein eine mögliche Investition von vier Milliarden Euro auszuschlagen, hieße, die Chance zu verspielen, einen Abschnitt der Riviera zur „Perle der Adria“ zu entwickeln, sagt Rama.
Die Annahme, er und sein Kabinett könnten bei internationalen Investitionen im albanischen Tourismus etwas fördern oder gutheißen, was die EU-Beitrittsverhandlungen Tiranas beeinträchtigen oder gegen EU-Vorgaben verstoßen könnte, bezeichnet Rama als abwegig. Viele Demonstranten ließen sich durch falsche Informationen, namentlich in den sozialen Medien, vor den Karren einer internationalen Kampagne gegen Donald Trump spannen, die mit den Projekten von Kushner und dessen Partnern an der albanischen Riviera gar nichts zu tun habe. Zuletzt versprach Rama, jenen zuzuhören, die sich aus aufrichtigen Beweggründen an dem Protest beteiligen – und pries die Proteste als Zeichen der demokratischen Reife Albaniens. Ob der nicht mehr ganz junge Regierungschef einen längeren Atem hat als die junge Flamingo-Bewegung, wird sich zeigen.

