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Kushners Milliardenprojekt: Albaniens Küste wird zum geopolitischen Schauplatz


Eine Insel bei blauem Himmel, im Hintergrund ein Steg

Die Insel Sazan in Albanien: Hier soll Jared Kusners Immobilientraum wahr werden

(Bild: Killographer/Shutterstock.com)

Hunderttausende Albaner protestieren gegen Jared Kushners Milliardenprojekt an der Adriaküste. Naturschutz, Geopolitik und Machtinteressen prallen aufeinander.

Es handelt sich um die größte Protestbewegung der vergangenen Jahre: Nach Schätzungen von Politico gingen am 13. Juni 2026 zwischen 100.000 und 200.000 Menschen in Albanien auf die Straße.

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Auslöser sind Pläne zum Bau des Luxusresorts in Zvernec nahe der Lagune Vjosa-Narta sowie auf der unbewohnten Insel Sazan. Die Insel an der südlichen Adriaküste ist ein bedeutendes Rastgebiet für Zugvögel und Flamingos; das Vjosa-Narta-Delta wurde 2023 zum ersten Wildfluss-Nationalpark Europas ausgerufen.

Der bekannteste Slogan der Bewegung lautet: “Shqipëria Nuk Është Në Shitje” – “Albanien steht nicht zum Verkauf”. Bereits im Frühjahr begannen Proteste, nachdem Stacheldrahtzäune und weitere Hinweise auf bevorstehende Bauarbeiten aufgetaucht waren.

In den vergangenen Wochen eskalierten die Auseinandersetzungen. Demonstrierende berufen sich auf Videoaufnahmen, die zeigen sollen, wie private Sicherheitskräfte Protestierende gewaltsam verschleppen.

Im Zentrum der Kontroverse steht ein milliardenschweres Investitionsprojekt aus dem Umfeld von Jared Kushner, Politikberater und Schwiegersohn von US-Präsident Donald Trump. Nach Angaben von Al Jazeera wird das Investitionsvolumen auf 1,6 Milliarden US-Dollar geschätzt. Ministerpräsident Edi Rama sprach zuletzt von einem Gesamtprojekt im Umfang von bis zu 4,7 Milliarden US-Dollar, das auch die Küstenregion Vlorë umfassen soll.

Naturzerstörung in Höchstgeschwindigkeit

Das Bauprojekt ruft erhebliche Umweltbedenken hervor. Bereits im Januar 2025 forderten 41 Umweltorganisationen in einem gemeinsamen Brief an die albanische Regierung die “sofortige Aussetzung aller Entscheidungen zur Förderung” des Projekts.

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Xhemal Xherri von der NGO “Protection and Preservation of Natural Environment in Albania” (PPNEA) erklärte gegenüber dem Jacobin Magazin: “Es gibt weder einen konkreten Plan noch eine Machbarkeitsstudie oder Umweltverträglichkeitsprüfung.”

Vor diesem Hintergrund operieren strategische Investoren nach Ansicht der Kritiker über dem albanischen Gesetz, auf Grundlage persönlicher Beziehungen zum Premierminister. Die albanische Regierung erteilte dem Vorhaben im Dezember 2024, kurz nach der Wiederwahl Donald Trumps, eine vorläufige Genehmigung und verlieh ihm den Status eines “strategischen Investors”, der beschleunigte Genehmigungsverfahren ermöglicht.

Inzwischen hat die albanische Sonderstaatsanwaltschaft SPAK Ermittlungen zu den umstrittenen Änderungen des Schutzgebietsstatus und der Eigentumsverhältnisse eingeleitet, die die touristische Erschließung des Gebiets ermöglichten.

Dass ausgerechnet Sazan zum Gegenstand eines milliardenschweren Investitionsprojekts geworden ist, hat auch historische Gründe. Die Insel spielte aufgrund ihrer Lage zwischen Adria und Mittelmeer eine strategische Rolle.

Sazan: Eine Insel von militärstrategischer Bedeutung

Sazan liegt vor der albanischen Küste an der Schnittstelle von Adria und Ionischem Meer, in der Straße von Otranto zwischen Albanien und Italien. Sie bildet die wichtigste Verbindung zwischen Adria und Mittelmeer.

Anders als bei Meerengen wie Hormus geht es hier weniger um globalen Warenverkehr als um die Kontrolle strategischer Zugänge zu Land- und Seeräumen. Der Balkan bildet seit Jahrhunderten eine Verbindung zwischen Europa und Asien: Wer die Region kontrollieren wollte, musste daher auch Sazan kontrollieren.

Deshalb diente die Insel bereits lange vor dem Kalten Krieg als Militärstützpunkt. Während der Zeit des Realsozialismus unter Enver Hoxhas entstand ein weitverzweigtes militärisches Tunnelsystem, mit rund 3.600 Bunker, darunter sowjetische U-Boot-Bunker und Tiefwasserankerplätze. Die strategische Lage der Insel erklärt jedoch nur einen Teil ihrer Attraktivität. Ebenso aufschlussreich ist ein Blick auf die Akteure, die das Projekt vorantreiben.

Wer steht hinter dem Projekt?

Formale Eigentümerin des Projekts ist die Atlantic Incubation Partners LLC, eine US-Investmentgesellschaft, die 2021 von Jared Kushner gegründet und geleitet wird. Die Projekte der LLC werden von Kushners Investmentgesellschaft Affinity Partners mit Sitz in Delaware finanziert und von der saudischen Regierung unterstützt.

Zum Umfeld von Affinity Partners gehören zahlreiche Personen mit Verbindungen zur US-Politik, zum Sicherheitsapparat und zur Finanzindustrie. Dazu zählen etwa Chad Mizelle, seit 2025 Chief of Staff im US-Justizministerium, der Palantir-Berater John Rader sowie Avi Berkowitz, ehemaliger Unterhändler des Weißen Hauses bei den Abraham-Abkommen.

Affinity Partners verwies Anfragen an die PR-Agentur des Projekts. Diese erklärte, die Entwicklung werde von der Sazan Real Estate Development LLC geführt; die beteiligten Investoren engagierten sich lediglich “in persönlicher Eigenschaft”. Die personellen Verflechtungen rund um Affinity Partners verweisen auf einen größeren geopolitischen Kontext.

Israelische Peripherie

Jahrzehntelang pflegte Tel Aviv Beziehungen zu nicht-arabischen Staaten an den Rändern des Nahen Ostens. In diesem Sinne wurde auch Kushners Investmentfirma Affinity Partners gegründet, um Investitionsbeziehungen zwischen Israel und der arabischen Welt im Sinne der Abraham-Abkommen zu fördern.

Kushner bemüht sich in diesem Kontext auch um Investitionen katarischer Milliardäre, darunter der Al-Khayyat-Brüder. Diese beteiligen sich am Wiederaufbau Syriens, während die neue Regierung Schritte in Richtung einer Normalisierung der Beziehungen zu Israel unternimmt.

Auch die Außenpolitik der Sozialistischen Partei Albaniens, die seit 1991 die Regierungspartei stellt, ist in diesen Kontext einer zunehmenden Annäherung an Israel eingebettet.

Im vergangenen Jahr schloss Albanien einen Waffenvertrag über Drohnen, Mörser und Artilleriesysteme mit israelischen Rüstungsunternehmen, darunter Elbit Systems. Zudem veranstaltete das Land einen Technologie- und Cybersicherheitsgipfel mit vierzig israelischen Unternehmen und schloss ein Memorandum of Understanding im Agrarsektor mit Israel.

Nach den USA, Russland und Brasilien wurde Albanien zudem als einer der wichtigsten Lieferanten für Treibstofftransporte nach Israel identifiziert.

Affinity Partners hat ebenfalls versucht, ein Bauprojekt im Zentrum Belgrads zu starten, was allerdings scheiterte. Zudem erhielt ein mit US Unternehmen in Bosnien und Herzegowina einen Vertrag im Rahmen des bisher größten Infrastrukturprojekts des Landes zum Bau einer Pipeline für den Transport von Flüssigerdgas (LNG) durch die Region.

Was der Fall Albanien zeigt

Die Verbindungen zwischen internationalen Investoren, militärstrategischen Interessen und politischen Netzwerken werfen die Frage auf, welche Bedeutung das Projekt über den unmittelbaren Konflikt um Naturschutz und Tourismus hinaus besitzt.

Der Konflikt um Sazan verweist auf zwei größere Entwicklungen. Erstens wirft er die Frage nach der zunehmenden Verschmelzung von politischer und ökonomischer Sphäre auf, die sich zeigt in den personellen Verflechtungen zwischen Investmentfonds, Regierungseinrichtungen, Militär und politischen Netzwerken rund um die Trump-Administration.

Zweitens zeigt der Fall die anhaltende strategische Bedeutung des Balkans. Die Region bleibt ein geopolitischer Raum, in dem wirtschaftliche Investitionen, militärische Interessen und internationale Machtpolitik eng miteinander verbunden sind. Diese Verflechtung wird besonders deutlich in aktuellen sicherheitspolitischen Entwicklungen der Region.

Beispielhaft dafür steht das trilaterale Militärabkommen zwischen Albanien, Kroatien und Kosovo vom 18. März 2025. Ziel ist eine stärkere Integration von Verteidigungsstrategien und -systemen sowie gemeinsame Investitionen in militärische Infrastruktur. Strategisch bedeutet die Zusammenarbeit mit Albanien und Kroatien, dass der Kosovo indirekt Zugang zu Ressourcen von Nato und EU erhält, obwohl er kein Mitglied ist.

Kroatien wiederum profitiert als EU-Mitglied vom Programm “ReArm Europe/Readiness 2030”. Albanien und Kroatien sind seit 2009 Nato-Mitglieder. Der Kosovo ist zwar kein offizielles Nato-Mitglied, gilt aufgrund der US-Basis Camp Bondsteel jedoch faktisch als Teil der Nato. Serbien reagierte darauf am 1. April 2025 mit einem Militärabkommen mit Ungarn und gab damit seine historische Neutralität auf.

Auf dem Balkan zeigt sich hier erneut ein tit-for-tat- Verhalten konkurrierender Bündnisse, das die Gefahr regionaler Eskalationen erhöht. In diesem Kontext erscheinen auch wirtschaftliche Großprojekte zunehmend als Teil derselben geopolitischen Logik.

Strukturelle Neujustierung

Das Kushner-Projekt ist weit mehr als ein Oligarchenskandal. Es verweist vielmehr auf die strukturellen Folgen der westlichen Einbindung des Balkans, die zunächst über militärische und sicherheitspolitische Integration vorangetrieben wurde und nun systematisch jene geopolitischen, militärischen und ökonomischen Verflechtungen hervorbringt, die mit einer rücksichtslosen Aneignung von Raum, Ressourcen, Umwelt und lokalen Lebensgrundlagen einhergehen.

Die daraus entstehenden Konfliktlinien schlagen sich bislang jedoch nur begrenzt in einer breiteren gesellschaftlichen Mobilisierung gegen das Projekt nieder. Zwar haben sich an den Protesten sowohl junge, teilweise linksradikalisierte Aktivisten beteiligt, deren Politisierung unter anderem durch den Genozid in Palästina verstärkt wurde, als auch traditionelle nationalistische Kräfte.

Diese Koalitionen bleiben jedoch widersprüchlich, da Teile der Proteste sich zugleich auf die EU als vermeintliche Schutzmacht orientieren und damit in den vorherrschenden transatlantischen Konsens zurückfallen, auch wenn dieser zunehmend unter Spannung gerät.

Damit entsteht ein grundlegender politischer Widerspruch: Die institutionelle und ideologische Anbindung an EU und Westen bleibt gesellschaftlich breit akzeptiert, während die konkreten materiellen, ökologischen und geopolitischen Folgen dieser Integration zunehmend in Frage gestellt werden. Die Art und Weise, wie sich dieser Widerspruch entwickelt und gegebenenfalls zuspitzt oder auflöst, wird die politische Dynamik in Albanien und im gesamten Balkanraum in den kommenden Jahren entscheidend prägen.





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