
Milliarden-Bauprojekt in Albanien: Flamingos gegen die Trumps
Zwischen dem eingerüsteten Neubau eines Komplexes von Luxuswohnungen und vor sich hin bröckelnden Ruinen auf dem Gelände des alten Bahnhofs der Hauptstadt Tirana liegt der Bulevardi i Ri, der Neue Boulevard. Auf dem Gehweg steht ein Schützenpanzer aus kommunistischer Zeit. Er ist angemalt und sieht aus wie ein bunter Käfer. Hier versammeln sich an diesem Tag die ersten Demonstranten. Sie wollen gegen ein Bauprojekt Stimmung machen, das Albanien spaltet und nicht nur US-Medien beschäftigt. Viele haben Schilder mit Flamingos aus Pappmaché unter den Arm geklemmt. Die Vögel sind das Zeichen der Protestbewegung. Von der „Flamingo-Revolution“ ist die Rede. Und diese richtet sich gegen den Schwiegersohn von US-Präsident Donald Trump. Und gegen die Zustände in dem Staat auf der westlichen Balkanhalbinsel.
Jared Kushner hatte 2024 seine Pläne für ein Luxusresort an der albanischen Adriaküste verkündet. Auf der Adria-Insel Sazan und in der gegenüberliegenden Narta-Lagune bei Zvërnec soll für mehrere Milliarden Euro exklusiver Platz für Tausende Gäste entstehen. Das Feuchtgebiet ist allerdings Heimat für bis zu 4000 Flamingos. Es steht unter Naturschutz. Damit hätte sich das Vorhaben Kushners erledigt. Eigentlich. Doch das Parlament in Tirana beschloss Anfang 2025 ein Gesetz, das Bauprojekte von Großinvestoren wie Kushner auch in geschützten Gebieten erlaubt.
Trumps Tochter Ivanka bezeichnete die albanische Insel Sazan als „private Insel“
Der Protest dagegen treibt täglich ungezählte Menschen auf die Straßen. Er speist sich nicht allein aus der Sorge um die Umwelt. Es geht um mehr. Um den Verdacht auf kriminelle Machenschaften und die Frage der Verantwortung etwa. Die albanische Sonderstaatsanwaltschaft gegen Korruption SPAK ermittelt gegen den in Miami lebenden albanischen Geschäftsmann Artur Shehu. Er soll Eigentumsurkunden für Land in Zvërnec gefälscht haben, um es für das Kushner-Projekt an andere Firmen weiterzuverkaufen. Die SPAK verdächtigt ihn seit Juni, mit Immobiliengeschäften wie in Zvërnec, Geld aus dem Kokainhandel gewaschen zu haben.
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Das Wall Street Journal veröffentlichte dann Anfang August einen Artikel, der wiederum Kushner Probleme bereiten könnte. Dorfbewohner sollen sich 2024 mit einem Brief an dessen Firma Affinity Partners gewandt haben. Darin sollen sie ihn auf ihren Rechtsstreit mit Shehu um das Land aufmerksam gemacht haben. Das ist zwar kein Beweis dafür, dass der Trump-Schwiegersohn von umstrittenen Eigentumsverhältnissen in Zvërnec wusste. Es scheint sich aber niemand bemüht zu haben, den Hinweisen nachzugehen.
Die Aktivistin Sidorela Vatnikaj stellt nun unweit des 2013 geschlossenen Bahnhofs ihren E-Scooter ab. Sie hat noch Zeit für einen Espresso, bevor die Kundgebung beginnt. Die 27-Jährige wird auf der Bühne eine Rede halten. Sie hält sich nicht lange mit Jared Kushner und seiner Frau Ivanka auf. Trumps Tochter bezeichnete die albanische Insel Sazan in einem Podcast im Mai als „private Insel“. In Albanien wurde das so verstanden, dass sie Sazan als ihr Eigentum betrachtet. Die Empörung über die Äußerung und ein Einsatz privater Sicherheitsleute an einem Bauzaun um das Projekt herum gegen Demonstranten waren denn auch der Auslöser für die Flamingo-Protestwelle.
Es sei ein „bisschen beängstigend“, dass Mitglieder der mächtigsten Familie der Welt hinter dem Vorhaben stünden, sagt Vatnikaj und erklärt: In Albanien werde für Reiche gebaut ohne Rücksicht auf die normale Bevölkerung. Recht und Gesetz hätten wenig Gewicht, wenn Mächtige aus dem Dunstkreis des Ministerpräsidenten Edi Rama ihre Projekte umsetzten.
„Sie behandeln das Land, als wäre es ihr Eigentum“
Rama war von 2000 bis 2011 Bürgermeister Tiranas. Er war international für seine Zeichnungen bekannt, bevor er Lokalpolitiker und schließlich Regierungschef in seit 2013 vierter Amtszeit wurde. Ein Künstler als Staatenlenker: Europa staunte über Albanien, das nach dem Ende des Kommunismus 1991 als Armenhaus und am Rande der Anarchie galt. Mit Edi Ramas Sozialisten regiert die Nachfolgepartei der KP des Langzeit-Diktators Enver Hoxha. Vatnikaj sagt: „Sie behandeln das Land, als wäre es ihr Eigentum.“
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Ein im Juli von einem Schweizer Verlag veröffentlichter Architekturband fachte den Zorn von Regierungsgegnern weiter an. Das Buch mit einem Vorwort Ramas beschreibt die Arbeit von internationalen Architekturbüros in Albanien. Erwähnt wird, dass dessen Regierung schon 2022 Architekten für ein großes Hotelprojekt in dem Naturschutzgebiet bei Zvërnec suchte. Solche Bauvorhaben waren bis zur Änderung des Gesetzes 2025 in Albanien illegal. „Rama fand offenbar nichts dabei, dass ausgeplaudert wird, wie wenig ihn das Gesetz schert. Sonst hätte er nicht das Vorwort geschrieben“, empört sich Vatnikaj. Wie darüber, dass sich Rama dem US-Präsidenten Donald Trump anbiedere. „Wir sind das einzige Land in Europa, das Kanye West eine Bühne geboten hat und unsere Regierung hat dafür auch noch bezahlt“, sagt sie. Der wegen antisemitischer Äußerungen und seiner Nähe zu Trumps Maga-Bewegung umstrittene US-Star gab im Juli in Tirana ein Konzert. Die Regierung stellte dafür mehr als vier Millionen Euro aus einem Reservefonds für Waldbrände und andere Katastrophen als finanzielle Absicherung bereit.
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Spricht Vatnikaj von demselben Edi Rama, der auf Nato- und EU-Gipfeln in weißen Turnschuhen zum Anzug eine gute Figur abgibt? Die Wirtschaft des Landes ist in den vergangenen Jahren stark gewachsen. Vor allem dank seiner Bauindustrie ist Albanien längst nicht mehr eines der ärmsten Länder Europas. Der EU-Beitrittsprozess schreitet voran.
Massive Kritik an Albaniens Ministerpräsident Edi Rama
Der Demonstrationszug hat begonnen und schiebt sich an Glitzerfassaden und digitalen Werbetafeln vorbei in Richtung des zentralen Skanderberg-Platzes. Die anwesenden Auslandsalbaner nennen auf Plakaten ihre Wohnorte in der Schweiz und in EU-Ländern. Der Ingenieur Ledjano Cela aus Berlin trägt eine Baseballkappe gegen die in den frühen Abendstunden immer noch gnadenlose Augustsonne. Angesprochen auf die Veränderungen im Land, reagiert er sarkastisch. „Ja, es ist alles schön hier. Aber nicht für alle“, sagt er. Eine kleine Schicht werde immer reicher. Junge Albaner mit guten Abschlüssen wie er gingen immer noch ins Ausland, weil Jobs fehlten. „Unser Ministerpräsident verkauft das Land, statt es zu entwickeln.“
Ob die Regierung nicht einen Punkt habe, wenn sie Großinvestoren wie Jared Kushner keine Steine in den Weg lege? „Niemand ist gegen Investitionen. Aber jeder muss sich an die Spielregeln halten“, antwortet Cela. Es sei Aufgabe der Regierung dafür zu sorgen, dass ein Deal auch mit einem Mitglied der Trump-Familie fair ablaufe.
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Sidorela Vatnikaj und andere schreien sich jetzt auf einem Podium heiser. Währenddessen wandert ein aufblasbarer Flamingo-Schwimmring durch die Menge. Eine in Genf lebende Albanerin staunt. Vor 30 Jahren hätten die Menschen ihre Gewehre rausgeholt, sagt sie, und sieht es als Zeichen für ein neues Albanien. Über den Wandel denkt auch Afrim Krasniqi wenige Tage später in seinem Büro nach. Der Leiter des Instituts für politische Studien stellt fest: Junge Albaner verglichen sich mit Altersgenossen in den EU-Staaten, die Not der 90er verblasse. „Die Menschen sind ungeduldig.“ Edi Ramas post-kommunistische Art des Durchregierens falle da aus der Zeit. „Gegenüber seinen westlichen Partnern gibt er sich als Feingeist. In Albanien beleidigt er jeden, der ihm widerspricht.“ Ihn eingeschlossen, sagt Krasniqi: „Er hat sich öffentlich über mich lustig gemacht.“ Viele Albaner seien den „Erlöser“ in weißen Turnschuhen leid. „Sie wollen einen normalen Regierungschef, der sich an das Gesetz hält.“
Flamingos staksen durch den Schlick, Silberreiher schwärmen ihren Nistplätzen zu
Doch der Ministerpräsident habe, so der Politikwissenschaftler, ein Patronage-System geschaffen. Menschen mit Einfluss und Vermögen erhielten Zugang zu Land und Ämtern und freie Hand bei Vorhaben. Im Gegenzug berichteten etwa ihre Medienhäuser wohlwollend und sicherten den Sozialisten Wählerstimmen. Rama buhle mit derselben Methode um die Gunst der Trump-Familie. „Ich glaube, wenn er nicht mehr im Amt wäre, müsste er mit einem Prozess wegen Korruption rechnen“, sagt Krasniqi. Allerdings denkt Rama nicht an Rücktritt und hält am umstrittenen Projekt in Zvërnec fest. Neue Massenproteste dagegen könnte es nach der Ferienzeit im Herbst geben.
Auf das Projekt steuert an einem anderen Tag der Umweltschützer Kosta Xhaho zu. Mit seinem Geländewagen nähert er sich einem Pinienwald. „Hier beginnt das Kushner-Land“, sagt er. Die asphaltierte Straße endet mit den ersten Pinien und geht in eine Ruckelpiste über. Diese frisst sich seit Start der Bauarbeiten im Mai sieben Kilometer ins Naturschutzgebiet hinein und schlängelt sich wie ein graues Band um die Lagune von Narta.
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Der Aktivist der Naturschutzorganisation PPNEA hält den Wagen immer wieder an und klettert auf von Piniennadeln übersäte Hügel. Sie geben den Blick frei auf die Lagune. Er sieht durch sein Fernglas Flamingos durch den Schlick staksen. Silberreiher schwärmen ihren Nistplätzen zu. Einmal muss er zwischen den Aussichtspunkten bremsen. Eine Baby-Schildkröte tapst über das Geröll.
Xhaho erzählt von Hunderten Anfragen von Journalisten aus aller Welt. Sie alle wollten das „Kushner-Land“ sehen. Xhaho ist in Zvërnec aufgewachsen. Als Kind sei er mit seinem Vater in der Lagune fischen gewesen. „Die kleinen Fische habe ich natürlich immer freigelassen“, erinnert er sich. Später schützte er als Freiwilliger die Schildkrötennester in der Nistzeit. Das Paradies seiner Kindheit ist bereits durch die ersten Bauarbeiten für das Hotelprojekt beschädigt worden. Uralte Pinien mussten einer Piste für die Baufahrzeuge weichen. Ein Kanal zum offenen Meer wurde mit Sand teilweise zugeschüttet. Der Wasserspiegel der Lagune sinkt. Im Herbst sollen Xhahos Informationen zufolge erneut Bulldozer anrücken. Wie es weitergeht? Entweder verschwindet der Boden seiner Heimat unter einem Palast. Oder die Flamingos verändern das Land, die „Flamingo-Revolutionäre“.
