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Sazan: Warum der Balkan für die USA strategisch immer wichtiger wird


Auf der albanischen Insel Sazan planen Jared Kushner und Ivanka Trump ein Luxusresort. Gleichzeitig wollen die USA auf dem Balkan Gaspipelines und Kraftwerke bauen. Das ist kein Zufall.

Adelheid Wölfl

So stellen sich Ivanka Trump und Jared Kushner ihr Luxusprojekt auf der albanischen Insel Sazan vor.

Visualisierung PD

Die Haare glatt gekämmt, die Stimme weich, erzählte Ivanka Trump kürzlich in einem Podcast, wie sie und ihr Mann Jared Kushner auf Sazan gestossen sind – eine albanische Insel, auf der sie nun ein riesiges Luxusresort errichten wollen. «Wir waren mit dem Boot eines Freundes unterwegs und legten einen kurzen Badestopp ein», sagte sie. «Wir schwammen hinüber, wanderten barfuss bis ganz nach oben und waren einfach hin und weg.»

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Trump nannte Sazan eine «private Insel» und schwärmte von den weissen Sandstränden, als gehöre ihr und Kushner dieses Filetstück an der albanischen Riviera bereits. Tatsächlich ist Sazan Staatseigentum. Und seit drei Wochen gehen in Albanien Zehntausende gegen das Projekt auf die Strasse.

Die Proteste nennen sich «Flamingo-Revolution». Es geht um Vögel, Fische und Mönchsrobben, deren Lebensraum bedroht ist. Und um den Verdacht, dass die albanische Regierung eines der kostbarsten Stücke des Landes in einem intransparenten Deal an die Familie des US-Präsidenten weiterreicht. «Albanien steht nicht zum Verkauf», steht auf ihren Transparenten.

Sazan ist jedoch nicht nur für Vögel und Fische bedeutsam, sondern auch geostrategisch wichtig. Die Insel liegt in der Strasse von Otranto – hier trennen nur 75 Kilometer Albanien von Italien. Deswegen war die Insel als Stützpunkt bereits von Römern, Venezianern, Briten und Osmanen heiss umkämpft. Wer die Meerenge kontrolliert, kontrolliert sowohl das Ionische Meer als auch die Adria.

Protestierende mit Flamingo-Schildern in Tirana. Seit drei Wochen gehen in Albanien Zehntausende gegen das Kushner-Projekt auf die Strasse.

Florion Goga / Reuters

Sazan steht für eine grössere Verschiebung, die sich derzeit beobachten lässt: Die USA bauen auf dem Balkan eine neue Machtarchitektur auf. Sie richtet sich gegen Russland und China, die hier seit Jahren um Einfluss ringen. Sie richtet sich jedoch auch zunehmend gegen die Interessen des eigenen Verbündeten: Europa.

Macht durch Energie-Dominanz

Am 25. Februar dieses Jahres fand ein «Gas-Gipfel» in Washington statt. Mehr als 20 Länder nahmen daran teil, darunter Länder von Griechenland bis Litauen. Organisiert wurde die Veranstaltung vom «Nationalen Energie-Dominanz-Rat» der USA. Es ging darum, die Länder Süd- und Osteuropas weniger abhängig von russischem Gas zu machen. Ein Ziel, bei dem die EU und die USA bisher am gleichen Strang zogen.

Doch jetzt scheinen die USA die EU nicht mehr zu brauchen. Am Rande des Gipfels unterzeichneten sie mit Griechenland, Bulgarien, Ungarn, Rumänien, der Slowakei, Moldau, Kroatien, Litauen, Serbien, Bosnien und der Ukraine Gaslieferverträge. Die USA wollen den Verkauf des amerikanischen Flüssiggases maximieren, sie bauen auf dem Balkan Gas-Pipelines, kaufen ehemals russische Raffinerien auf und wollen die Infrastruktur für die Energieströme kontrollieren.

Bestes Beispiel dafür sind Bosnien und Herzegowina und die Southern Interconnection, eine Pipeline, die Bosnien mit dem kroatischen Gasnetz verbinden und das Land aus der russischen Energieabhängigkeit lösen soll. Die USA wollen, dass eine amerikanische Firma diese Gaspipeline baut. Ein entsprechendes Gesetz wurde in Sarajevo bereits auf Wunsch der amerikanischen Regierung verabschiedet. Ohne öffentliche Ausschreibung.

Kroatiens Premierminister Andrej Plenkovic und der amerikanische Energieminister Chris Wright in Dubrovnik. Für die USA geht es auf dem Balkan nur noch um Business und Energiedominanz.

Antonio Bronic / Reuters

Wie bei so vielen Deals der Trump-Regierung vermischen sich auch bei diesem Privatinteressen und Regierungshandeln. Joseph Flynn, dessen Bruder Michael einst als Sicherheitsberater für Donald Trump fungierte, soll mit seiner Firma AAFS Infrastructure and Energy als federführender Konzessionär die Gasinfrastruktur realisieren. Dabei hat das Unternehmen keinerlei Expertise in diesem Sektor vorzuweisen.

Die Amerikaner kuscheln nun sogar mit gefährlichen Politikern wie dem bosnisch-serbischen Sezessionisten und Kreml-Verbündeten Milorad Dodik. Die Trump-Regierung hob im Frühjahr plötzlich die Sanktionen gegen Dodik auf, der seit Jahren versucht, den Staat Bosnien und Herzegowina zu zerstören. Dass er Michael Flynn für 100 000 Dollar als «strategischen Berater» angeheuert hatte, ist natürlich nur Zufall. Und dass Dodik die US-Pipeline unterstützt, ebenso.

Die Sanktionen gegen den ehemaligen Präsidenten der Republik Srpska, Milorad Dodik, würden von der Trump-Regierung plötzlich aufgehoben.

Amel Emric / Reuters

Jahrzehntelang konzentrierte sich die Strategie der USA auf dem Balkan darauf, den Ländern beim Beitritt zur EU und zur Nato zu helfen. Demokratisierung und Staatsbildung, lautete die Devise. Doch mit Trump 2.0 wurden diese Prinzipien über Bord geworfen. Jetzt geht es nur noch um Business. Und Energiedominanz.

Den Europäern gefällt das gar nicht. Im April 2026 sandte der EU-Botschafter Luigi Soreca einen Warnbrief an die bosnische Führung. Die Vergabe des auf 1,5 Milliarden Euro geschätzten Auftrags für die Pipeline an ein amerikanisches Unternehmen verstosse ohne Ausschreibung gegen EU-Beitritts-Bestimmungen. Die EU-Integration sowie Fördergelder in Höhe von über einer Milliarde Euro seien gefährdet, sollten die Bosnier den Deal mit den USA voranbringen, so Soreca.

Doch Bosnien und Kroatien unterschrieben den Pipeline-Deal Ende April trotzdem. An der Zeremonie in Dubrovnik nahm auch der amerikanische Energieminister Chris Wright teil. Er brüstete sich in bester Trump-Manier mit den «Billion-Dollar-Deals», die die Regierung derzeit mache, und sagte weiter: «Dieser Teil Europas kehrt zur Vernunft zurück. Der Weg zum Wohlstand führt über mehr, nicht weniger Energie.»

Der Deal offenbarte in schmerzlicher Weise, dass die EU sich nicht durchsetzen kann. Die Nicht-EU-Staaten scheinen die Hoffnung auf einen EU-Beitritt verloren zu haben und biedern sich nun der Supermacht USA an.

Oder aber: Sie geben dem Druck der USA nach. So wie Nordmazedonien. Trump drohte dem Land mit höheren Zöllen. Nun soll ab 2027 amerikanisches Gas ins Land kommen. Auch eine Pipeline wird gebaut, die bis Griechenland reichen wird.

Die Pipelines in Bosnien und Mazedonien entsprechen der Doktrin der «Energy Dominance», mit der die Trump-Regierung amerikanische Energieexporte zum politischen Instrument macht. Über den sogenannten vertikalen Gaskorridor soll amerikanisches Gas von Griechenland und Bulgarien aus nach Norden fliessen, in mindestens sieben weitere Länder, später womöglich bis in die Ukraine. Der Plan ist weit fortgeschritten. Schon heute stammen rund 60 Prozent der europäischen LNG-Importe aus den USA.

Den deutschen Energie- und Geopolitik-Experten Frank Umbach von der Universität Bonn macht das nervös. Er plädiert dafür, dass sich Europa nicht zu abhängig vom amerikanischen Gas machen soll. Die EU habe bisher den Fokus darauf, dass andere Player wie Russland oder China ihren Einfluss in Südosteuropa nicht ausdehnten, doch nun müsse man auch darauf achten, wie die USA vorgingen.

«Bislang versucht Europa, diesen transatlantischen Konflikt mit allen Mitteln kleinzuhalten», sagt Umbach. Der Grund sei offensichtlich: Europa sei auf die militärische Unterstützung der USA und auf deren Nuklearschirm angewiesen. Doch gerade deshalb brauche die EU eine eigene Strategie. «Wenn die Amerikaner ihre Interessen in Südosteuropa mit Investitionen festzurren, entstehen Abhängigkeiten, die sich später nur schwer korrigieren lassen.» Je grösser die Interessengegensätze zwischen den USA und Europa würden, desto genauer müsse die EU auf ihre eigenen sicherheitspolitischen Interessen achten.

Aus ziviler Infrastruktur wird schnell militärische

Zum Beispiel in Albanien. Ivanka Trumps und Jared Kushners Luxusresort würde nicht nur Villen und Pools nach Sazan bringen. Sondern auch Häfen, Kommunikationssysteme, Helikopterlandeplätze, kurz: zivile Infrastruktur, die rasch für militärische oder nachrichtendienstliche Zwecke umfunktioniert werden kann.

Ivanka Trump und Jared Kushner bei der Hochzeit von Amazon-Gründer Jeff Bezos in Venedig.

Piovanotto Marco / Abacapress / Imago

Zudem unterzeichnete auch Albanien im April einen Gasliefervertrag mit den USA mit einer Laufzeit von 20 Jahren und einem Volumen von mehr als sechs Milliarden Dollar. Ganz in der Nähe von Kushners Projekt soll amerikanisches Gas an einem neuen Terminal von Exxon Mobil angeliefert werden. Ausserdem planen die USA ein Gaskraftwerk. Albanien soll zu einem Energieknotenpunkt für Europa werden.

Die Erzählung, dass Ivanka Trump wie eine Nymphe aus der Ionischen See auftauchte und die Insel Sazan erblickte, sie dann barfuss den Gipfel erklomm und sich in das Eiland verliebte, ist deswegen wenig glaubwürdig. Das Luxusresort auf Sazan ist nur ein Symbol für den Anspruch der USA, die dominierende Macht in Südosteuropa zu werden.

Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»



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