Punë në Gjermani

Umstrittenes YE-Konzert in Albanien: Aktuell ist mehr Flamingo


Albaniens Präsident Edi Rama blickt, versteckt hinter einer hellblauen Brille, mit ernster Miene in eine Kamera und spricht ausgerechnet über den Koran.

„Die heiligen Bücher lehren uns seit Tausenden von Jahren, dass der Verleumder schlimmer ist als der Mörder“, sagt er. Der Koran, sagt er, verurteilt Verleumdung so schwer, weil Verleumdung nicht nur einen Menschen tötet. Sie untergrabe die Grundpfeiler des Vertrauens zwischen den Menschen.

Er spricht von „Verleumdungen, Fälschungen, Manipulationen“, von Neomarxisten und Tiktok-Islamisten, die Hass sähen im Land. Ganz schön harter Tobak.

Aber worum geht es in seiner knapp zehnminütigen Rede, die er diese Woche bei Instagram und Facebook veröffentlicht hat und in der er sich um Kopf und Kragen redet, überhaupt?

Merz und Weimer werben für Kollegah?

In erster Linie: um ein Rapkonzert von YE (früher bekannt als Kanye West), das an diesem Samstag stattfinden soll. Dafür machen Rama und sein Kultusminister Blendi Gonxhja seit Wochen Werbung im Internet; und schon das mutet eigenartig an. Man stelle sich nur mal vor, was los wäre, wenn Friedrich Merz und Wolfram Weimer wochenlang zum Kauf von, um einen ähnlich umstrittenen Künstler ins Spiel zu bringen, Kollegah-Tickets aufrufen würden.

Doch für Rama ist die ganze YE-Nummer nicht irgendein Event, sondern nun mal Chefsache. Denn es ist ein Konzert, das laut Rama den globalen Werbewert Albaniens steigere, Menschen aus der ganzen Welt anziehe.

Kurzum: das Beste, was Albanien passieren kann. Wären da nicht die rund vier Millionen Euro Steuergeld, die der Staat in das Event pumpen muss, bei dem schon im Vorfeld vieles schiefläuft. Und wären da nicht die riesigen Flamingoproteste im Land, die den Rücktritt des Premiers fordern. Was also ist da los?

Rama geht es mit Veranstaltungen wie dem YE-Konzert um nicht weniger als die internationale Relevanz seines Landes. Das Conference-League-Finale fand in Tirana statt, mehrere Giro-d’Italia-Etappen verliefen durch Albanien.

Ticketverkäufe laufen schleppend

Ähnlich wie bei YE, also mit dem Stärken des Tourismus, argumentiert Rama auch beim geplanten Verkauf der ehemaligen Militärinsel Samza an Jared Kushner und Ivanka Trump, die dort und an der angrenzenden Vjosa-Narta-Lagune ein exklusives Luxusresort errichten und die Biodiversität zerstören wollen. Oder beim neuen Flughafen in Vlora, der ebenfalls zuerst ohne Baugenehmigung in ein Bioreservat gebaut wurde. Seit Wochen gibt es Großproteste im Land. Teile der Bevölkerung sind wütend, fordern Ramas Rücktritt und gucken gerade genau darauf, was ihr Premierminister so treibt.

Womit wir wieder beim geplanten YE-Konzert sind. Was, Stand jetzt, weder für die albanische Regierung noch für das involvierte deutsche Unternehmen Streetlife International ein sonderlich großer Erfolg ist. Der Verkauf läuft schleppend, aktuell sind viele Tickets noch online erhältlich. Das „Eagle Stadium“ für 60.000 Menschen, das auf einer Brachfläche zwischen Tirana und der Hafenstadt Durres extra für das Event gebaut wird, ist auch drei Tage vor dem Konzert noch nicht fertig. Und natürlich ist mit „Red Cloud“ ein Unternehmen involviert, dessen Chef gute Kontakte zum Premier pflegt.

Und überhaupt, der Treiber des „globalen Werbewerts“, YE, der durch antisemitische Ausfälle und einen Song namens „Heil Hitler“ seit Jahren ziemlich umstritten ist. In Großbritannien und Italien wurden Konzerte nach politischem Druck abgesagt. In der autoritärer regierten Türkei und in Georgien durfte er dagegen zuletzt auftreten. Trotzdem fragt man sich, warum ausgerechnet dieser Rapper als Aushängeschild für Albanien als Kulturhotspot herhalten soll.

Bei Reddit und in Facebook- und Instagram-Kommentaren versuchen Menschen mittlerweile, ihre Tickets loszuwerden und diskutieren darüber, ob das Konzert verschoben oder sogar ganz abgesagt werden wird. All das führt zu Unsicherheit und der Frage danach, ob es wirklich so eine gute Idee war, in einer angespannten politischen Lage einem hochumstrittenen Rapper ein eigenes Stadion ins Hinterland zu zimmern.

Die Antwort ist: Edi Rama hat sich mit diesem Konzert keinen Gefallen getan und es mit seinem Social-Media-Statement selbst zum Politikum gemacht.

Stichwort Koran: Ramas Statement impliziert nämlich: Vermeintlich radikale Kräfte im Internet und auch bei den Flamingoprotesten sorgen dafür, dass ausländische Touristen nicht zum YE-Konzert kommen, darum muss der Staat nun die rund vier Millionen Euro aus Notfallmitteln zuschießen. Und genau darum sei Verleumdung schlimmer als Töten.

Entsprechend wütend sind die Menschen in den Kommentarspalten und auch bei den Protesten selbst sprechen Menschen mittlerweile über das Konzert, das zuvor eher unter dem Radar gelaufen ist.

Was Rama in seinem Statement macht, ist keine gute Krisenkommunikation, sondern klassisches Gaslighting. Das steht stellvertretend für sein öffentliches Auftreten in den letzten Wochen, in der er die Proteste von oben herab abwertete. Dabei sagt er ja auch richtige Sachen: Fakt ist, dass der Staat nicht, wie einige behaupteten, das 50-Millionen-Euro-Event komplett finanziert. Das hätte Rama entspannt richtigstellen können, stattdessen greift er die Bevölkerung an. Die Kommentare unter den Posts sprechen für sich. Nett gesagt: Einverstanden mit Ramas Rede ist dort so gut wie niemand.

Und das deutsche Unternehmen, Streetlife International, das das Konzert munter weiter bewirbt? Hört man sich etwas um in der Musikindustrie, erfährt man, dass die Agentur schon länger versucht, ein YE-Konzert zu organisieren – allerdings Probleme hatte, einen passenden Ort zu finden.

Die taz hätte gern gewusst, warum YE trotz der antisemitischen Ausfälle, dem „Heil Hitler“-Song und vielen weiteren Entgleisungen so eine Priorität für das Unternehmen hatte. Oder warum ausgerechnet Albanien als Standort ausgewählt wurde. Und wie der Ticketverkauf eigentlich so läuft. Streetlive International antwortete auf unsere Anfrage bislang nicht.

Die große Frage, die bleibt: Wird die „Eagle Arena“ fertig? Und falls ja: Wird YE überhaupt auf der Weltkugel im Stadion landen, die zu seinem Bühnenbild gehört? Es bleibt spannend.



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