
Verkaufen Sie Albanien an die Trump-Familie, Edi Rama?
Ob das wohl ein Jazzclub sei, fragt Edi Rama zur Begrüßung im dunklen Untergeschoss eines Berliner Kreativ- und Kulturhauses, in dem der Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft sein Jahrestreffen abhält. Albaniens Ministerpräsident sieht selbst aus wie ein Jazzer: schwarze Hose, schwarzes Jackett, schwarzes T-Shirt. Ein grauer Vollbart bedeckt das Gesicht, darüber glänzt im Scheinwerferlicht sein kahler Kopf.
Rama ist öfter in Berlin. Erst Ende April war er auf einer Vernissage einer Berliner Galerie, die seine Skulpturen und Papierarbeiten vertritt. Aktuell sind sie auf der Art Basel zu sehen. Im F.A.Z-Interview wird er sich später zufrieden über den Zuspruch der Interessenten äußern.
Osthändler loben Ramas Engagement für die EU-Erweiterung
Doch jetzt steht der Künstler und frühere Basketballer, Bürgermeister von Tirana und inzwischen in vierter Amtszeit mit großer Mehrheit regierende Ministerpräsident Albaniens vor mehr als 200 deutschen Osthändlern. Die Vorsitzende des Ost-Ausschusses, Cathrina Claas-Mühlhäuser, hat ihn soeben gelobt für seine „Kreativität, seinen politischen Mut und die Tatsache, dass Sie sich so aktiv in die europäische Erweiterungsdebatte einbringen“. Ihr Verband lobbyiert seit einigen Jahren für die Erweiterung der EU.

Von Tirana nach Berlin sind es mehr als 1300 Kilometer Flugdistanz, und doch ist der Auftritt für Rama, den begnadeten Polit-Entertainer, ein Heimspiel. Seine zur Ministerin ernannte KI namens Diella hat er als Werbeträger mitgebracht. Der Avatar wirkt, gekleidet in albanische Volkstracht, auf dem Bildschirm merkwürdig unbelebt. Wenn Diella einmal richtig funktioniert, in zwei oder drei Jahren, soll sie alle öffentlichen Aufträge in Albanien abwickeln. Dann könnte bei Staatsaufträgen keiner mehr die Hände aufhalten. Später würde er sie gern den Deutschen schenken, die so sehr vom Thema Korruption besessen seien. Rama nennt das seinen „Traum“.
Dutzende Besucher halten ihre Handys für Fotos und Videos hoch. Immerhin sind es keine Papp-Flamingos, wie sie die Demonstranten zuletzt in Tirana als Zeichen für die bedrohte Tierwelt in die Höhe reckten. Ihr tagelanger Protest gegen den geplanten Bau von Luxusresorts an der albanischen Küste unter Beteiligung des Trump-Schwiegersohns Jared Kushner ging um die Welt.

Doch bevor Rama darauf kommt und das Thema mit Warnungen vor falsch verstandenen Freiheiten in der Verbreitung von Nachrichten in sozialen Medien verbindet, widmet er sich einem noch wichtigeren Projekt: dem EU-Beitritt Albaniens. Das Verfahren hat seit dem russischen Überfall auf die Ukraine im Jahre 2022 beachtlich an Geschwindigkeit gewonnen. Jetzt muss er es zu einem guten Ende bringen. Den Schwung dafür sucht er in Berlin in der deutschen Geschichte. Konrad Adenauer habe Europas Einheit als Notwendigkeit verstanden. Helmut Kohl habe die deutsche Einheit auch nicht als administrative Herausforderung, „sondern als geopolitische Notwendigkeit“ angesehen, sagt Rama. Das Gleiche gelte heute für die Staaten auf dem westlichen Balkan und die sie umgebende EU.
„Anführer schreiben Geschichte“
Ramas Erinnern an Kohl und Adenauer zeigt, in welcher Tradition sich der in kommunistischer Herrschaft herangewachsene 61-Jährige sieht. Geschichte verändere sich nicht in „byzantinischen Debatten“ und weil die Bürokratie es zulasse. Dazu bedürfe es vielmehr Führung: „Anführer schreiben Geschichte.“ Dass und wohin er die 2,6 Millionen Einwohner Albaniens führen will, daran lässt Rama keinen Zweifel.
„Wir haben kein Problem damit, die Beitrittskriterien zu erfüllen“, sagt er später im F.A.Z.-Gespräch. Bis Ende kommenden Jahres sollten alle 33 Kapitel geschlossen sein. Ziel sei „eine Vollmitgliedschaft bis zum Ende der Dekade“. Ob man das erreichen könne, sei in der EU schwer vorherzusagen. Um den Weg der Kandidaten in die Gemeinschaft zu beschleunigen, hatten er und Serbiens Staatschef Aleksandar Vučić kürzlich in der F.A.Z. angeregt, man könne übergangsweise auf Stimmrechte verzichten.
Merz’ Vorschlag zur EU-Erweiterung reicht Rama nicht
Den Vorschlag von Deutschland und anderen Staaten aus der vorigen Woche für einen schrittweisen Weg zur Vollmitgliedschaft mit befristeten Rechten nennt Rama zwar „einen richtigen Schritt in die richtige Richtung“. Doch anfreunden kann er sich damit ebenso wenig wie mit der „bevorzugten Partnerschaft“, die Bundeskanzler Friedrich Merz der Ukraine angeboten hatte. Mit der Ukraine haben die Beitrittsgespräche diese Woche begonnen.
„Wir brauchen diese Sachen nicht, denn erstens schaffen sie Unordnung, und zweitens bringen sie die ganze Architektur der Europäischen Union durcheinander“, sagt Rama. Die Lösung mit allen sieben Neuen am Tisch der EU sei weder kompliziert noch kostspielig: „Gebt uns Sitze, bevor ihr uns Vetos einräumt, gebt uns Beteiligung, bevor wir Kommissare bekommen.“
Negative Folgen der aktuellen Proteste in Albanien für das EU-Beitrittsverfahren erwartet Rama nicht: „Ich hoffe nicht, ich wüsste auch nicht, warum.“ Vorwürfe, wonach Eigentumsrechte und Umweltstandards missachtet, ausländische Investoren bevorzugt würden, weist er entschieden zurück. Zur Vorbereitung hat seine Presseabteilung auf fünf DIN-A4-Seiten in Ramas Namen den Stand der Verfahren aus Perspektive der Staatskanzlei aufgeschrieben und das Vorgehen erklärt. So sei die Insel Sazan, auf der Kushner ein Ferienresort bauen will, in Staatsbesitz und bleibe es auch. So viel zum vielfach zitierten Schlachtruf „Albanien steht zum Verkauf“.

Bei den geplanten Projekten auf der unbewohnten, früher vom Militär genutzten Insel sowie in einem Naturschutzgebiet stehen Milliarden-Investments in Rede. Rama will so den Luxustourismus in Albanien fördern. „Das bringt viel mehr Einnahmen bei weniger Besuchern.“ Zusammen werde man das Land zur „Perle des Mittelmeertourismus“ entwickeln.
Als solche empfinden viele Besucher das Land schon heute. Die Zahl der Touristen hat sich seit dem Jahr 2021 auf zwölf Millionen mehr als verdoppelt. Der Sektor erwirtschaftet inzwischen mehr als ein Fünftel des Bruttoinlandsprodukts von zuletzt etwa 26 Milliarden Euro. Doch der Massentourismus habe auch seine negativen Seiten, sagt Rama. Viele Besucher bedeuteten auch hohe Kosten für den Ausbau der Infrastruktur.
Die von internationalen Medien wegen der gezeigten Protestzeichen schnell zur „Flamingo-Revolution“ erklärten Demonstrationen hätten die ganze Aufmerksamkeit nur wegen der Verbindung zu Trump bekommen. „Sie springen auf alles, was mit Trump beginnt“, sagt Rama.
Einen Vorwurf, mit dessen Schwiegersohn zu kooperieren, macht der Ministerpräsident sich nicht: „Wir sahen keine Verbindung mit Trump, wir sahen vielmehr eine große Chance, eine wichtige amerikanische Investition ins Land zu bringen.“ Noch sei nichts entschieden und seien keine Genehmigungen erteilt, noch seien die Behörden überall mit Vorklärungen befasst, auch die Sonderstaatsanwaltschaft gegen Korruption ermittelt. Doch jeder Versuch, Albanien wieder in den Abgrund zu reißen, werde erfolglos bleiben, sagt Rama in Richtung der Demonstranten: „Albanien hat keine Angst vor großen Träumen.“
