
Vier Millionen für Kanye West: Warum Albanien Geld in einen Skandal-Rapper steckt
Eine Lasershow, die das Zeug dazu hat, Piloten zu blenden; ein Feuerwerk, das die Arena immer wieder in rotes Licht taucht; ein riesiger, sich um die eigene Achse drehender Globus unter freiem Himmel; ein Aufzug, versteckt unter eben diesem Globus, und ganz oben eine Luke, die sich öffnet: Dort erscheint, gleich einem Astronauten, der Superstar dieses Abends: Kanye West. Er trägt Handschuhe und eine Vollmontur aus Leder, obwohl die Hitze dieses Sommertags noch nicht abgeklungen ist. In Albanien hat es dieser Tage über dreißig Grad. Am Abend kühlt es ein wenig ab. Aber das Konzert, das hier stattgefunden hat, wird in den folgenden Tagen trotzdem noch heiß diskutiert werden.
Am 11. Juli drängen knapp 60.000 Menschen auf ein Gelände am Stadtrand der albanischen Hauptstadt Tirana. Zur Zeit des Kommunismus lag hier ein staatlicher Landwirtschaftsbetrieb. Die Gewächshäuser sind mittlerweile weg, zurückgeblieben ist eine Brachfläche, flankiert von einer Autobahn, Baumärkten und Einkaufszentren. Bis vor wenigen Monaten gab es hier nichts als Erdhügel und Büsche.
Dann setzte sich der deutsche Konzertveranstalter „Street Life International“ aus Berlin ein ambitioniertes Ziel: Mit Hilfe der albanischen Regierung und einem lokalen Konzertveranstalter namens „Red Cloud“ ließ er auf der Brachfläche in wenigen Wochen ein Stadion aus dem Boden stampfen (profil berichtete) – für einen der kontroversesten Musiker unserer Zeit, der sich vor nicht allzu langer selbst als Nazi bezeichnet hat.
In offenem Brief entschuldigt
Der US-Rapper Kanye West, der sich 2021 in „Ye“ umbenannt hat, ist derzeit auf Tour in Europa. Aufgrund antisemitischer Aussagen und anderer Grenzüberschreitungen wurde der Rapper aber in den meisten Ländern gecancelt. Polen, Schweiz, Deutschland, Frankreich – nirgendwo durfte Ye auftreten. Die britische Regierung verweigert dem Rapper die Einreise, Australien das Visum. Der Grund: Der Skandal-Rapper hatte einen Song namens „Heil Hitler“ veröffentlicht, genau am 8. Mai 2025, dem 80. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs. Mittlerweile hat sich Ye öffentlich für seine Aussagen entschuldigt, unter anderem, indem er sie auf seine bipolare Störung zurückführt, an der er seit einem Autounfall leide. In seinen manischen Phasen würde er den Bezug zur Realität verlieren, schrieb er in einer einseitigen, bezahlten Anzeige im „Wall Street Journal“. „Ich bin kein Nazi oder Antisemit. Ich liebe jüdische Menschen“, heißt es darin unter anderem.
Persona non grata? Nicht in Albanien
Trotz seiner Entschuldigung bleibt Kanye West in vielen europäischen Staaten persona non grata. Aber nicht überall. Das kleine Albanien rollte dem Rapper den roten Teppich aus. Edi Rama, der seit 2013 regierende Ministerpräsident des Landes, unterzeichnete persönlich einen Brief, um den Konzertveranstaltern zu garantieren, dass seine Regierung Kanye West nicht canceln werde. Dahinter stecken nicht ideologische, sondern wirtschaftliche Gründe. Albaniens sozialistische Regierung, die Beitrittsgespräche mit der EU führt, sympathisiert nicht mit Kanye Wests Aussagen, sondern erhoffte sich von dem Konzert Marketing für Albanien als aufstrebende Tourismus-Destination. Gerade weil Kanye West in so vielen Ländern gecancelt wurde, reisten für das Konzert rund 25.000 Fans aus dem Ausland an. Zum Beispiel Fraser, ein 22-Jähriger mit kurzen Shorts, Oberlippenbärtchen und Vokuhila. Er steht am Samstag stundenlang in der Hitze und wartet auf Einlass. Für das Konzert ist er eigens aus Australien angereist.
Finanzieller Flop
Für Fraser und andere Fans geht mit dem Konzert ein Traum in Erfüllung. Für die Konzertveranstalter war die Show in Albanien aber ein Ritt auf der Rasierklinge, manche sagen auch: ein Desaster. Weil zu wenig Tickets verkauft wurden und es keine Sponsoren gab, klaffte ein Loch in den Finanzen. Dann explodierten auch noch die Kosten auf der Baustelle. Am Ende konnte Kanye West nur deswegen auftreten, weil die albanische Regierung den privaten Veranstaltern zu Hilfe eilte. Am 7. Juli, wenige Tage vor dem Konzert, überwies der Staat umgerechnet 4,2 Million Euro an die Organisatoren. Das Geld floss an „Red Cloud“, das lokale Subunternehmen, kommt am Ende aber wohl dem deutschen Hauptveranstalter Street Life International zugute, da dieser das finanzielle Risiko trägt.
Kritik aus der Protestbewegung
Ramas Entscheidung, eine ursprünglich als Privatveranstaltung angekündigte Show mit staatlichen Geldern zu fördern, wurde in einer politisch heiklen Zeit gefällt. Seit über einem Monat erlebt Albanien eine der größten Protestbewegungen seit dem Fall des Kommunismus. Zehntausende protestieren gegen ein Luxushotel in einem ökologisch wertvollen Vogelgebiet, bei dem auch Jared Kushner, der Schwiegersohn von Donald Trump, mitmischt. Wenige Tage vor dem Konzert richtete sich die Wut dann plötzlich gegen das Konzert von Kanye West.
„Diese Entscheidung ist eine Schande. Ich schäme mich für meine Regierung“, sagt ein Demonstrant, ein junger Mann, der für eine staatliche Stelle arbeitet und nicht namentlich genannt werden will. „Diese vier Millionen sollten für die Bevölkerung ausgegeben werden. Für das Gesundheitssystem, für Wohnungen, für bessere Löhne. Wir protestieren seit Wochen für all jene, die sich das Leben in Albanien nicht mehr leisten können“, sagt er. Was für viele das Fass zum Überlaufen gebracht hat: Das Geld für das Konzert stammt nicht aus dem Kulturetat des Landes, sondern aus einem Notfallfonds für Naturkatastrophen, beispielsweise Waldbrände oder Erdbeben. Wenige Tage vor dem Konzert stellte die Protestbewegung ein Video ins Netz, das sich an Ye persönlich richtete. Darin heißt es: „Willst du, dass man sich so an dich erinnert? Ein Künstler, der von den Armen nimmt?“ Das Management von Kanye West hat darauf nicht öffentlich reagiert. Nach der Show schrieb Ye auf seinem X-Account nur: „Danke Edi Rama und Albanien, dass ihr mir ein Stadion gebaut und mich in eurem wunderschönen Land willkommen geheißen habt.“
Wie reagiert die Regierung?
Regierungschef Rama, der sein Land bis 2030 in die EU führen will, verteidigt das Konzert mit dem Argument, es habe die Wirtschaft angekurbelt. Seine Minister und Ministerinnen argumentieren ähnlich und haben das Konzert in zahlreichen Instagram-Posts als größte Show in der Geschichte des Landes beworben. In einem Video sagt Rama unter anderem: „Was soll man tun, wenn man im allerletzten Moment vor der Entscheidung steht, mit vier Millionen Euro einzugreifen, um die Absage eines mit Spannung erwarteten Konzerts zu verhindern. Und vor allem: Um zu verhindern, dass Albanien gedemütigt wird, weil Zehntausende Menschen aus dem Ausland Tickets gekauft haben?“
Rama legitimiert die Investition damit, dass rund 25.000 Gäste aus dem Ausland am Wochenende Hotels und Unterkünfte buchten, Geld für Taxis und für Restaurants ausgaben und damit den Tourismus und die Wirtschaft ankurbelten. Angeblich sollen Einnahmen von 100 Millionen erzielt worden sein. Die Zahl lässt sich – ebenso wie die tatsächlich verkauften Tickets – nicht belegen.
Veranstalter: „Investment lohnt sich“
Ramon Urristi Santibanez, ein niederländischer Konzertveranstalter, der das Konzert in Tirana von Anfang an mitbetreut hat, kann Ramas Argumentation nachvollziehen. Wenige Tage nach der Show sitzt er in einer Cocktailbar vor dem Hotel Plaza in Tirana, ein angesagtes Fünf-Sterne-Hotel in der albanischen Hauptstadt. Hier, in einer Suite in den oberen Stockwerken, war auch der Rapper selbst untergebracht. Nach dem Konzert, erzählt Santibanez gegenüber profil, hat seine Crew hier die After-Party gefeiert. Santibanez war sehr nahe an Kanye West dran: Er hat ihn zu einem persönlichen Termin mit Edi Rama begleitet. Von dem Treffen will er nichts verraten, sehr wohl aber, wie es beim Stadion-Bau hinter den Kulissen zuging. „Das Konzert war eine riesige Herausforderung für uns, aber wir haben es geschafft“, sagt er sichtlich erleichtert. Auch Kanye West sei zufrieden, bestätigt er: „Er ist sehr glücklich, dass wir ihm ein Stadion gebaut haben.“ Die Proteste kann er nicht nachvollziehen. „Die vier Millionen haben sich als Investment gelohnt, weil 80 Prozent der Gäste Ausländer waren, die extra nach Albanien gereist sind“, sagt er. Das Land habe von der Show nachhaltig profitiert. „Ich sehe kein Problem bei den 4,2 Millionen“, meint er, „Auch andere Länder, zum Beispiel die Türkei oder Georgien, haben kürzlich Konzerte von Kanye West mitfinanziert, um einen Marketing-Effekt zu erzielen.“
Stadion bald wieder weg, Frust bleibt
In der Protest-Bewegung sieht man das anders. Im Vorfeld des Konzerts hagelte es Boykott-Aufrufe. Am Ende konnte das Stadion nur gefüllt werden, weil die Regierung im großen Stil Tickets an staatliche Angestellte und an Schülerinnen und Schüler verteilte. Das belegen Nachrichten, die in albanischen Medien kursierten. Ein Screenshot liegt profil vor. Darin werden Lehrer und Lehrerinnen aufgerufen, Schüler und Schülerinnen mit besonders guten Noten in eine Liste einzutragen und die Namen an eine Mitarbeiterin im Bildungsministerium zu schicken.
Und das Stadion? Bleibt es für immer am Stadtrand von Tirana? Nein, beteuern die Veranstalter, es handle sich nur um eine temporäre Konstruktion. Die Tribünen sind gemietet, der Globus von Kanye West bereits abgebaut. Das Team ist auf dem Weg zur nächsten Show in Madrid. In Aprilen spielen sie allerdings in einer Arena, die bereits steht.






