Punë në Gjermani

Wie Tourismus Albaniens Dörfern neue Perspektiven eröffnet


DOMRADIO.DE: Albanien liegt als Reiseziel voll im Trend. Vor zehn Jahren war eine Reise dorthin noch ein echtes Abenteuer, vor fünf Jahren ein Geheimtipp. Heute zieht es immer mehr Urlauber in das Land. Wieso? 

Johannes Nüßer (Albanien-Referent beim Osteuropa-Hilfswerk Renovabis): Albanien ist ein unglaublich faszinierendes Land mit einer langen und vielfältigen Geschichte – von der Antike über die venezianische und osmanische Zeit bis hin zur kommunistischen Vergangenheit. All diese Einflüsse sind bis heute sichtbar. Dazu kommt eine beeindruckende Natur. 

DOMRADIO.DE: Sie kennen Albanien sehr gut. Was würden Sie Menschen empfehlen, die das Land besuchen?

Nüßer: Mich begeistert besonders Nordalbanien mit seinen Bergen und Schluchten. Dort ist der Tourismus noch nicht so stark ausgebaut wie an der Küste im Süden. Die Landschaft ist spektakulär: hohe Berge, tiefe Täler und dazwischen glasklares Wasser. Das ist für mich einer der schönsten Teile des Landes.

Johannes Nüßer

“Manche Regionen haben in den vergangenen zwölf Jahren rund 30 Prozent ihrer Bevölkerung verloren.” 

DOMRADIO.DE: Gerade dort unterstützt Renovabis auch ein Tourismusprojekt zur ländlichen Entwicklung. Worum geht es dabei?

Nüßer: Dafür muss man erstmal den Kontext verstehen: Manche Regionen in Nordalbanien haben in den vergangenen zwölf Jahren rund 30 Prozent ihrer Bevölkerung verloren. Das entspricht – auf Deutschland übertragen – ungefähr dem Bevölkerungsverlust im Dreißigjährigen Krieg. Nur eben ohne Krieg. In vielen Dörfern leben heute vor allem ältere und kranke Menschen.

Das, was unsere Projektpartner erzählen, ist schon eindrücklich: Wenn Kinder in der Schule gefragt werden, was sie später einmal werden wollen, dann sagen viele ganz selbstverständlich: “Ich wandere aus.”

Genau da setzt das Projekt an. Es soll den jungen Menschen zeigen, dass sie sich auch in ihren Heimatdörfern eine Zukunft und einen eigenen Lebensunterhalt aufbauen können – damit sie nach der Schule oder nach ihrer Ausbildung nicht auswandern müssen. Tourismus kann dafür eine wirtschaftlich sinnvolle Perspektive sein.

Johannes Nüßer

“Es geht also darum, den Menschen das Handwerkszeug zu vermitteln, damit sie sich mit solchen Ideen ein eigenes Einkommen aufbauen können.”

DOMRADIO.DE: Und wie unterstützen Sie die Menschen dabei?

Nüßer: Da geht es ganz konkret um Schulungen: zum Beispiel zu Hygienestandards in Gästehäusern und Restaurants oder darum, wie wirtschaftliche Beziehungen zwischen Restaurants und landwirtschaftlichen Betrieben funktionieren. Es geht also darum, den Menschen das Handwerkszeug zu vermitteln, damit sie sich mit solchen Ideen ein eigenes Einkommen aufbauen können.

DOMRADIO.DE: Haben Sie dafür ein Beispiel?

Nüßer: Ja, auf einer Projektreise haben wir einen jungen Biologen kennengelernt. Er hat eine Schmetterlingsfarm gegründet – allerdings nicht mit exotischen Schmetterlingen, sondern mit den heimischen Arten. Er sammelt Raupen auf den Feldern ein, zieht sie in einem geschützten Gewächshaus auf und setzt die Schmetterlinge später wieder aus, wenn es in der Natur zu wenige gibt.

Gleichzeitig nutzt er die Schmetterlingsfarm, um Schulklassen und Besucher über die heimische Natur zu informieren. So baut er sich Schritt für Schritt eine wirtschaftliche Existenz auf. Und genau solche Ideen und die nötige unternehmerische Expertise wollen wir mit unseren Schulungen fördern.

Johannes Nüßer

“Ich bin regelmäßig auf Projektreisen in Albanien, aber dieses Thema ist uns bislang kaum begegnet.” 

DOMRADIO.DE: Dass Albanien als Reiseland immer beliebter wird, hat sich offenbar bis in die USA herumgesprochen. Jared Kushner, der Schwiegersohn von Donald Trump, und Ivanka Trump planen an der albanischen Küste, mitten in einem Naturschutzgebiet, ein Luxusresort. Seit Monaten gibt es dagegen Proteste. Was hören Ihre Projektpartner vor Ort darüber?

Nüßer: Tatsächlich bisher relativ wenig. Ich bin regelmäßig auf Projektreisen in Albanien, aber dieses Thema ist uns bislang kaum begegnet. Deshalb kann ich dazu im Moment nicht viel sagen. Wir beobachten die Entwicklung aber weiter.

DOMRADIO.DE: Albanien gehört nach wie vor zu den ärmsten Ländern Europas. Korruption gilt als weit verbreitet. Kann man dort trotzdem unbesorgt Urlaub machen – auch mit Blick auf organisierte Kriminalität?

Nüßer: Da hätte ich keine größeren Bedenken. Der Tourismus ist in Albanien inzwischen gut etabliert, die notwendige Infrastruktur ist vorhanden. Natürlich läuft manches spontaner oder weniger organisiert ab als in Deutschland. Aber was die Sicherheit für Reisende betrifft, sehe ich keinen Anlass zur Sorge.

Johannes Nüßer

“Entscheidend ist für uns nicht die Zahl der Katholikinnen und Katholiken, sondern ob es Menschen gibt, die etwas bewegen wollen.”

DOMRADIO.DE: Renovabis ist ein katholisches Hilfswerk. Wie leicht oder schwer ist es, in einem Land zu arbeiten, in dem nur rund zehn Prozent der Bevölkerung katholisch sind?

Nüßer: Entscheidend ist für uns nicht die Zahl der Katholikinnen und Katholiken, sondern ob es Menschen gibt, die etwas bewegen wollen. Und genau diese Partner haben wir in Albanien: in Ordensgemeinschaften, Schulen und anderen Einrichtungen. Dort entstehen viele gute Ideen, die wir gemeinsam unterstützen können.

Das Interview führte Hilde Regeniter.

Renovabis


Renovabis ist das jüngste der sechs katholischen weltkirchlichen Hilfswerke in Deutschland. Es wurde im März 1993 auf Anregung des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) von den deutschen Bischöfen gegründet. Seither gibt es jedes Jahr eine mehrwöchige bundesweite Aktion. Sie endet jeweils am Pfingstsonntag mit einer Kollekte in den katholischen Gottesdiensten in Deutschland.

Der lateinische Name des Hilfswerks geht auf einen Bibelpsalm zurück und bedeutet “Du wirst erneuern”.



Source link

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *