Punë në Gjermani

Wieso darf und soll Kanye West in Albanien auftreten?


Seit Wochen kommt es in der albanischen Hauptstadt Tirana zu immer größeren Protesten gegen ein umstrittenes Bauprojekt, an dem Donald Trumps Tochter Ivanka und ihr Ehemann Jared Kushner maßgeblich beteiligt sind. Zu einer Hotelanlage sollen die bislang unbewohnte Insel Sazan und der Strandabschnitt um Zvernec im Süden Albaniens werden – obwohl es sich dabei um ein Naturschutzgebiet mitsamt Flamingo-Brutplätzen handelt.

Doch weil die Regierung des langjährigen Ministerpräsidenten Edi Rama bislang die schützende Hand über Kushner und Co. hält, richtet sich der ökologische Widerstand nun gegen die Regierung selbst. Zu den sogenannten Flamingoprotesten, die Zehntausende gegen Korruption mobilisieren, gesellt sich nun ein zweiter komischer Vogel, allerdings unter ganz anderen Vorzeichen.

Die Spitze des antisemitischen Eisbergs

Während in der Hauptstadt weiter protestiert werden dürfte, wird mit Kanye West am 11. Juli ein besonderer Gast in einem Vorort Tiranas auftreten. Sechzigtausend Menschen sollen den von Skandalen begleiteten Rapper freudig erwarten. Noch im vergangenen Jahr, am Jahrestag des Kriegsendes in Europa, hatte West einen Song mit dem Titel „H**l Hitler“ veröffentlicht, der nur die Spitze des antisemitischen Eisbergs seiner Vita war.

Schon 2022 hatte Adidas die profitable Modekooperation „Yeezy“ nach antisemitischen Hasstiraden von West beendet. Im vergangenen Januar folgte eine Entschuldigung von West, die durch die Ankündigung einer großen Comebacktour begleitet wurde. Die geringe Halbwertszeit seiner letzten Entschuldigung hatten die europäischen Regierungen nicht vergessen, in Großbritannien wurde ihm die Einreise für einen Festivalauftritt glatt verboten, in Frankreich und Polen seine Livekonzerte abgesagt.

„Zahlreiche Vorteile für Tourismus und Wirtschaft“

Ausgerechnet ein kleiner Küstenstaat im Balkan wurde so zum Nutznießer dieser Prohibition. Während der britische Nochpremierminister Starmer die Festivaleinladung Wests einst als „besorgniserregend“ kritisierte, hatte sich Rama schon im April über Kanyes Auftritt gefreut. „In jeder Hinsicht ist es unsere Verpflichtung, solche Veranstaltungen zu begrüßen und ihre Durchführung zu unterstützen“, verkündete der Ministerpräsident und fügte an, dass sie „zahlreiche Vorteile für Tourismus und Wirtschaft“ brächten.

Zu einem kleinen Politikum war dieser Opportunismus schon damals geworden. Zu einem größeren wird es kurz vor Wests Auftritt, weil bekannt geworden ist, dass die albanische Regierung den Auftritt mit rund vier Millionen Euro fördert. Der Grund? Die spektakuläre Show von West braucht ein eigenes Stadion, das Tirana nicht zu bieten hat. Auftreten soll West nun in einem temporär umgestalteten Industriegebiet außerhalb von Tirana, das „Eagle Stadium“ genannt wird. Was man sonst von Olympischen Spielen gewohnt ist, gilt also auch für Konzerte von amerikanischen Rappern: Der Staat subventioniert den Bau maßgeschneiderter Infrastruktur – in der Hoffnung worauf eigentlich?

Geschenke an Alliierte werden zum demokratischen Risiko

Für die Demonstranten in Tirana passt der Vorgang ins Bild: Rama, der korrupte Staatschef, der sein Land an die USA oder andere Mächte verscherbelt. Der Ministerpräsident argumentiert den Vorwurf indes in sozialdemokratisch-korporatistischem Jargon gekonnt weg, der Auftritt von West werde hundert Millionen Euro an Einnahmen bringen. Mit jener Rhetorik à la „Sozial ist, was Arbeit schafft“ hatte Rama schon beim umstrittenen Hotelprojekt argumentiert. Man mag diese Zahlen anzweifeln, aber es stellt sich auch die Frage, ob es hier um mehr als nur Wirtschaftspolitik geht.

Verspricht sich Rama von seiner Förderung des trumpschen Milieus auch eine geopolitische Dividende? Während es in Bosnien-Hercegovina wegen eines amerikanischen Pipelineprojekts zwischen den USA und der EU brodelt, sucht Rama einen dritten Weg. Die Europäer bekommen Flüchtlingslager und die Amerikaner Hotelanlagen mit Livemusik von West. Teile und Herrsche, Tito statt Hoxha – doch die Geschenke an Alliierte werden für ihn zunehmend zum demokratischen Risiko.

Seine Unterstützung bröckelt – und die Kanyes? Der dürfte in Albanien auf begeisterte Fans treffen. Allein 25.000 sollen aus dem Ausland anreisen. Wer Ausschnitte seiner Comeback-Shows in Los Angeles oder Istanbul gesehen hat, realisiert schnell, wie nah Genie und Wahnsinn bei West noch heute zusammenliegen. Auch in Deutschland dürfte er weiterhin viele Fans haben. Das ist musikalisch verständlich, offenbart zugleich aber, wie sehr sein antisemitisches Verhalten wieder normalisiert wurde – in Spotify-Playlists und in der albanischen Regierung. Opportunismus und Antisemitismus zugleich: Kanyes Show in Tirana ist ein so passendes wie trauriges Signum unserer Zeit.



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