
Worum es bei der “Flamingo-Revolution” in Albanien geht
Aus Pappe ausgeschnittene Flamingos halten in diesem Sommer Demonstrierende hoch: in dem albanischen Küstendorf Zvérnec und inzwischen längst auch bei immer größer werdenden Kundgebungen in der Hauptstadt Tirana.
Deswegen war bald von der “Flamingo-Revolution” die Rede, einem bislang friedlichen Protest gegen den eigenen Staat, zuweilen gegen die zaudernde Europäische Union, gegen Verhaltensweisen wie Korruption und fremdstaatliche Invasion und Landnahme, Heimat- und Naturzerstörung fremder Ausbeuter und einheimischer Begünstigter.
Niemandem ist bislang mit Gewalt beigebracht worden, dass dies alles wenig demokratisch, transparent und gar nicht nachhaltig und heimatverbunden ist, eben dass es so nicht geht. Das könnte indes zum Schaden der erwachten Zivilgesellschaft von gewaltlüsternen Trittbrettfahrern noch angezettelt werden, auch angesichts und befeuert von Perspektivlosigkeit und prekären Lebensumständen.
Jared Kushner mischt auch mit
Der rosa Flamingo ist zum Erkennungszeichen der Protestierenden geworden. Diese Vögel sind zu schützen, denn sie sind in Albanien tatsächlich bedroht: Der Schwiegersohn des amerikanischen Präsidenten Donald Trump missachtet den verbrieften Natur- und Umweltschutz ihres Lebensraums an einer Insel-Lagune. Jared Kushner will just an diesem paradiesischen Ort ein riesiges Megaluxus-Resort mit 10.000 Hotelzimmern bauen.
So betrachten offenbar die Trumps die Welt außerhalb ihrer eigenen Landesgrenzen: als gewinnmaximierend auszubeutende Wirtschaftsressource, die von der dort beheimateten Bevölkerung und schützenswerten Tierwelt rücksichtslos besetzt und über korrumpierte Einheimische abgenommen werden kann. Wirtschaftlicher und ökologischer Ausverkauf: Die Grönland-Begierden lassen grüßen.
Der Flamingo wird zornesrot
Da ist es doch klar, dass der Flamingo zornesrot werden muss! Denn an der “Riviera Shqiptare”, der Albanischen Riviera, wollen diese amerikanischen Investoren einträgliche Beute machen. Leider sind albanische Projektentwickler den Investitions-Strategien des Trump-Clans auf den Leim gegangen und haben sogar von Staats wegen bei der Planung und Erschließung der Infrastruktur geholfen sowie Steuervergünstigungen versprochen: Die Flamingos erröten mehr und mehr.
Die Solidaritätsaktion der deutschen Katholiken mit den Menschen in Mittel- und Osteuropa, das deutsche Hilfswerk Renovabis, fordert seit langem immer wieder mit Nachdruck eine ehrliche, zeitnah greifbare EU-Beitrittsperspektive für Albanien und die Westbalkanstaaten und mahnt, dass Brüssel die Region nicht vergessen darf. Das katholische Osteuropa-Hilfswerk sieht in einer starken Zivilgesellschaft und der gezielten Jugendförderung den einzigen Schlüssel, um den Staaten Stabilität zu verleihen.
Die EU darf den Balkan nicht vergessen
Denn mit seinen Projektpartnern nimmt das deutsche Hilfswerk wahr, dass die albanische Jugend ungeduldig geworden ist. Sie will offenbar jetzt massenhaft durch Proteste auf der Straße einen Wandel erzwingen – nach Jahrzehnten des Stillstands, der Korruption und der Perspektivlosigkeit und des vergeblichen Hoffens auf den klassischen politischen Weg.
Die sehr junge Zivilgesellschaft, die über Jahrzehnte auch durch westliche Fördergelder und NGOs herangezogen wurde, agiert heute völlig autonom und emanzipiert. Die jungen Leute demonstrieren bewusst unabhängig von traditionellen politischen Parteien. Ihre Ungeduld äußert sich darin, dass sie nicht mehr auf den nächsten Wahlzyklus wartet, sondern durch tägliche, unnachgiebige Proteste sofortige Transparenz und den Rücktritt der Führung verlangt.
Albaniens Jugend braucht eine Perspektive
Für das Renovabis-Hilfswerk ist eine funktionierende, plurale Demokratie ohne eine vitale, kritische Zivilgesellschaft nicht vorstellbar. Mit seinen Projekten stärkt das Osteuropa-Hilfswerk gezielt lokale Akteure, um staatliche Defizite aufzufangen und Bürgern eine Stimme zu geben. Mit den Projektpartnern vor Ort konnte die jahrelange Massenabwanderung als das einzige Ventil für die unzufriedene Jugend durch beispielgebende Leuchtturmprojekte abgemildert werden.
Initiativen wie das von Renovabis unterstützte Beschäftigungsprogramm “YourJob” versuchen zwar, Jugendlichen vor Ort berufliche Perspektiven zu bieten, doch die Jugend ist es überdrüssig, nur zu “überleben”. Sie fordern jetzt lautstark ihr Recht ein, in einem demokratischen, fairen Land bleiben zu können und ihre Zukunft lebenswert zu gestalten.
Über den Autor: Thomas Schumann ist Pressesprecher beim katholischen Osteuropa-Hilfswerk Renovabis.
