
Albaniens Küste: Boom oder Ausverkauf?

AUDIO: Ausverkauf von Albaniens Küste? Proteste gegen Regierung und Investoren (4 Min)
Luxusbauten am Meer
Stand: 10.07.2026 05:00 Uhr
Seit Wochen gehen in Albanien täglich Tausende auf die Straße. Was als Widerstand gegen ein Bauprojekt in einem geschützten Küstengebiet begann, ist zu einer breiten Bewegung geworden. Längst geht es nicht mehr nur um ein geplantes Luxusresort, sondern um die Frage, wem Albaniens Küste gehört – und wer vom wirtschaftlichen Aufschwung des Landes profitiert.
Jeden Abend gegen 19 Uhr wiederholt sich in Tirana die gleiche Szene: Menschen strömen auf den Boulevard im Zentrum der Hauptstadt. Manche tragen Schaumstoffflamingos auf Besenstielen, andere Plakate und Fahnen. Der Flamingo ist zum Symbol eines Protests geworden, der im Vjosa-Narta-Schutzgebiet begann – und inzwischen weit über die Bewahrung eines Flussdeltas und einer Lagune hinausweist.
“Am Anfang war ich von den Massen überrascht, aber langsam gewöhne ich mich daran”, sagt der Ornithologe Joni Vorpsi. Seit Jahren kämpft er um den Erhalt eines der letzten weitgehend unverbauten Flussdeltas der Adria – einer Landschaft aus Dünen, Stränden und Pinienwäldern, in der nicht nur Flamingos, sondern auch Pelikane und Meeresschildkröten leben. “Wir fordern, dass das Projekt dort nicht umgesetzt wird.”
Video:
Proteste gegen Luxus-Resort: Tausende in Tirana auf den Straßen (1 Min)
In Albanien war es lange schwer, Menschen für Umweltthemen zu mobilisieren. Wer gegen Resorts, Straßen oder Flughäfen protestierte, galt schnell als jemand, der Entwicklung und Fortschritt verhindern will. Für Joni Vorpsi und andere Naturschützer war dieser Kampf deshalb lange ein einsamer.
Trump-Schwiegersohn Jared Kushner als Investor
Dass an manchen Abenden mehr als zehntausend Menschen auf die Straße gehen, hat auch mit dem prominenten Investor hinter dem Projekt zu tun: Jared Kushner, Schwiegersohn des US-Präsidenten Donald Trump.
Seit seine Investmentfirma Affinity Partners im März 2024 erste Pläne öffentlich machte, berichten internationale Medien über das Vorhaben. Inzwischen ist bekannt, dass sich der Komplex auf zwei Standorte verteilen soll: auf einen Abschnitt des Vjosa-Narta-Schutzgebiets am Festland und auf die nahe gelegene Insel Sazan. Vorgesehen sind nicht nur Hotelanlagen und private Villen, sondern ein Jachthafen, ein Wasserpark und ein Casino.
Ermöglicht wurde das Vorhaben auch durch eine Gesetzesänderung aus dem Jahr 2024. Die mit absoluter Mehrheit regierende Sozialistische Partei von Ministerpräsident Edi Rama hatte damals ein Gesetz so angepasst, dass sogenannte “strategische Investoren” künftig auch in Schutzgebieten bauen dürfen. Wenige Monate später erhielt eine Firma, die mit Kushners Investmentfonds in Verbindung stehen soll, ebenjenen Status.
Wem gehört Albaniens Küste?
Im Mai dieses Jahres rollten plötzlich Bagger durch Pishë Poro-Narta, einen Teil des Schutzgebietes. Ein bislang frei zugänglicher Strandabschnitt wurde eingezäunt, obwohl weder eine Baugenehmigung noch eine Umweltverträglichkeitsprüfung vorlagen. Auch eine öffentliche Anhörung hatte nie stattgefunden. Also reisten einige Dutzend Aktivisten aus Tirana in das rund zweieinhalb Autostunden entfernte Delta, betraten das abgesperrte Gelände und forderten den sofortigen Baustopp.
Deutlich größer wurde der Protest erst, nachdem ein Video von eben diesem Gelände viral gegangen war. Es zeigt, wie Sicherheitsleute einer privaten Firma einen Protestteilnehmer über den Sand zerren – vor den Augen der Polizei. Seitdem stellt sich vielen Albanern nicht mehr nur die Frage nach dem Schutz eines Ökosystems, sondern auch danach, wer über bislang frei zugängliche Küstenräume entscheidet.
Die Eigentumsverhältnisse im Projektgebiet sind umstritten. Die Regierung verweist darauf, dass die Flächen privat seien. Unklar ist jedoch, wem einzelne Grundstücke rechtmäßig gehören – und wie sie in den vergangenen Jahren den Besitzer gewechselt haben. Auch Bewohner des benachbarten Dorfes Zvërnec erheben Ansprüche auf Teile des Landes.
Mehr als ein Umweltprotest
“Einen historischen Moment”, nennt es der Historiker Elidor Mëhilli vom Hunter College der City University of New York, der sich derzeit in Tirana aufhält. Zuletzt habe es in Albanien mit den Studentenprotesten von 1990 andauernde Versammlungen dieser Größenordnung gegeben. Sie trugen damals zum Sturz des kommunistischen Regimes bei.
Allein um das Bauprojekt gehe es heute aber längst nicht mehr, erklärt Mëhilli. Auf der Straße entlade sich eine Frustration, die sich über Jahre angestaut habe: das Gefühl, dass den Menschen das eigene Land entgleite. In gewisser Weise sei die seit 2013 amtierende Regierung Edi Ramas nun Opfer ihres eigenen Erfolgs. Sie habe den Tourismus angekurbelt und das Land für Investoren attraktiv gemacht, doch von den Gewinnen dieses Wachstums profitierten nicht alle gleichermaßen. In Tirana werde bezahlbarer Wohnraum immer knapper, viele junge Menschen sähen für sich kaum noch eine Zukunft im eigenen Land.
Grundstücke in Ermittlungsakten
Zusätzlichen Auftrieb bekam der Protest, als die albanische Sonderstaatsanwaltschaft SPAK bekannt gab, Haftbefehle gegen 20 Verdächtige beantragt zu haben, die einem internationalen Drogenschmuggelnetzwerk angehören sollen. Nach Recherchen des Investigativ-Netzwerks BIRN tauchen in den Ermittlungsakten auch Grundstücke auf, auf denen später Teile des Luxusresorts entstehen sollen. Bislang gibt es allerdings keine Hinweise darauf, dass Jared Kushner oder sein Unternehmen von möglichen Gesetzesverstößen wussten oder selbst in mutmaßliche Straftaten involviert waren.
In Albanien wird die Untersuchung auch deshalb aufmerksam verfolgt, weil Affinity Partners bereits von einem anderen umstrittenen Bauprojekt in der Region abgerückt ist: In Belgrad wollte das Unternehmen auf dem Gelände des ehemaligen jugoslawischen Generalstabs einen Luxuskomplex errichten. Nachdem serbische Staatsanwälte Regierungsvertretern Amtsmissbrauch und die Fälschung von Unterlagen im Zusammenhang mit dem Denkmalschutz vorgeworfen hatten, zog sich Affinity Partners zurück.
Eine neue Protestkultur in Albanien
An einem anderen Abend versammeln sich in Tirana wieder mehrere Tausend Menschen. Nach Wochen des Protests sind Wut und Ermüdung spürbar. “Wir haben die Schnauze voll. Diese Regierung liebt das Land nicht, sie will es plündern”, sagt eine junge Frau mit heiserer Stimme. “Es geht jetzt darum, das System zu stürzen”, erklärt ein Familienvater. “Revolution” und “Edi Rama tritt zurück”, ruft die Menge.
Unter ihnen ist auch Besjana Guri. “Ich schlafe kaum noch. Mein ganzer Alltag richtet sich nach den täglichen Protesten”, sagt die Umweltaktivistin und hievt sich die Stofftasche mit einem Projektor über die Schulter. Kurz zuvor hatte sie damit den Schriftzug “Hände weg von Narta” an die Fassade von Ministerpräsident Ramas Amtssitz projiziert. Auch wenn nicht alle Forderungen erreicht werden könnten, sei schon jetzt etwas gewonnen, sagt Guri: “Allein die Tatsache, dass wir eine neue Protestkultur entwickelt haben, gibt Hoffnung – und zeigt, dass junge Menschen etwas verändern können.”
Doch die neue Protestkultur bleibt nicht frei von Spannungen. Anfang Juli, etwa einen Monat nach Protestbeginn, kam es zu Zusammenstößen: Einzelne Demonstranten warfen Steine, Eier und Flaschen, die Polizei setzte Tränengas, Pfefferspray und Wasserwerfer ein. “Es ist wichtig, dass wir jetzt unser Ziel nicht aus den Augen verlieren und den Protest so friedlich fortsetzen, wie er angefangen hat”, sagt Guri.
MDR (usc)





