Albaniens Premier sieht sich als Opfer: „Proteste gegen ein Luxusressort sind Dummheit pur“ – DiePresse.com
Ein Fremdenverkehrsprojekt an der albanischen Südküste, an dem der Schwiegersohn des US-Präsidenten finanziell beteiligt sein soll, sorgt für Massendemonstrationen.
Donald Trump und sein Hofstaat wirken in Europa zunehmend wie politisches Gift – und der jüngste Staatsmann, der diese Erfahrung machen musste, ist der albanische Premierminister Edi Rama. Seit US-Medien über ein großes Tourismusprojekt unter Beteiligung von Trumps Schwiegersohn Jared Kushner an der südalbanischen Küste berichtet haben, wird in Albanien demonstriert. Zum Symbol des Widerstands ist ausgerechnet der Flamingo geworden – ein Vogel, dessen Habitat durch die geplanten Investitionen rund um Insel Sazan und den Küstenort Zvernec bedroht sein soll. Kushners Ehefrau Ivanka Trump hat in einem Interview jedenfalls berichtet, sie und ihr Ehemann hätten sich bei einem Jachtausflug in den Küstenabschnitt verliebt.
Darüber, wie weit die Pläne der Investoren, die laut Informationen der „Financial Times“ ein Volumen von vier Milliarden Dollar umfassen sollen – zum Vergleich: Albaniens BIP summierte sich zuletzt auf rund 33 Mrd. Dollar –, gediehen sind, wird seit Tagen heftig gestritten. Rama selbst bestritt am Dienstag vehement, dass in Sazan und Zvernec Baubewilligungen erteilt worden seien. „Es gibt kein Projekt“, sagte der Premierminister bei einem Gespräch mit europäischen Journalisten in Tirana. Etwas nuancierter in der Sache klingt Silvio Gonzato, der Botschafter der EU in Albanien, der die Beitrittsverhandlungen des Balkanlandes begleitet. „Wir haben Garantien erhalten, dass keine weiteren Arbeiten durchgeführt werden, solange keine Umweltverträglichkeitsprüfung durchgeführt wurde“, sagte der EU-Diplomat am Dienstag. Aus der albanischen Opposition wiederum hieß es, dass nicht nur eines, sondern gleich mehrere Projekte in dem ökologisch sensiblen Landstrich angedacht seien.
Straßenprotest in Tirana: Flamingos bereiten Albaniens Premier Edi Rama zusehends Kopfzerbrechen. Reuters / Florion Goga
Dass der Küstenabschnitt für den Fremdenverkehr erschlossen werden soll, steht für Rama selbst allerdings außer Frage. Der Premier will Albanien als Hotspot für nachhaltigen Luxustourismus etablieren – weil ein Luxustourist mehr Geld ausgibt und zugleich einen kleineren ökologischen Fußabdruck hinterlässt als eine Gruppe Pauschaltouristen. Oder, um mit den Worten des Premierministers zu sprechen: „Proteste gegen ein Luxusresort sind Dummheit pur.“ Rama selbst sieht sich vielmehr als Opfer der (tages-)politischen Umstände: „Die halbe Welt interessiert sich für Zvernec und Sazan nicht wegen der Flamingos, sondern wegen Donald Trump und Jared Kushner. Wer behauptet, dass wir Kushner die Erlaubnis erteilt haben, die albanische Küste zu zerstören, lügt.“
Der Premier war am Dienstag ebenso vehement bei seinen Beteuerungen, dass jedes Einzelprojekt im Einklang mit allen europäischen Naturschutzgesetzen stehen werde, über deren Implementierung Tirana gerade mit Brüssel verhandelt – was angesichts der Tatsache, dass Rama alle Verhandlungskapitel bis Ende 2027 abschließen und sein Land 2030 in die EU führen will, erstens höchst an der Zeit und zweitens überaus ambitioniert ist. Überhaupt seien die renommierten internationalen Architekten und Investoren der Garant dafür, dass alles mit rechten Dingen zugehen werde: „Glauben Sie, dass ein Kengo Kuma oder ein Jean Nouvel die Umwelt verschmutzen wollen? Oder dass Mandarin Oriental, Rosewood Hotels & Resorts oder Bernard Arnault die Küste zubetonieren wollen, um billige Mojitos zu verkaufen?“ Für Rama liegt es auf der Hand, dass der internationale Wettbewerb um zahlungskräftige Besucher Umweltsünden verhindern werde: „Um auf dem globalen Fremdenverkehrsmarkt zu bestehen, muss man auf die Natur achten.“
In der Zwischenzeit haben sich die Straßenproteste allerdings verselbstständigt. Den friedlichen Demonstranten geht es inzwischen nicht mehr ausschließlich um Flamingos und frei zugängliche Strände, sondern auch um Korruption, Lebenshaltungskosten und die europäische Integration. „Stoppt den Diebstahl Albaniens“ lautet einer der Slogans, die man in Tirana zuletzt hören konnte.
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