
Edi Rama: “In Albanien gibt es keinen Vertrauensverlust”
Zum ersten Mal in seinen inzwischen knapp 13 Jahren als Premierminister steht Edi Rama ernsthaft unter Druck. Seit gut einem Monat gehen täglich tausende Albaner auf die Straße und fordern den Rücktritt Ramas. Sie werfen ihm und seiner Regierung Vetternwirtschaft und Korruption vor. Viele der Demonstranten kritisieren, dass die Regierung Entscheidungen schon lange nicht mehr im Sinne ihrer Bürger treffe, sondern um die eigene Macht zu erhalten und weiter auszubauen.
Doch obwohl sich die Proteste teils explizit gegen ihn und seine Politik richten, obwohl die Demonstranten auf dem Boulevard vor seinem Amtssitz in Sprechchören jeden Tag “Rama, tritt zurück” skandieren, scheint die Kritik am albanischen Premier abzuperlen. Im Interview mit der DW am Rande der Business- und Innovationskonferenz r26 in Bochum am 1. Juni 2026 sagt Rama, angesprochen auf die politische Lage: “In Albanien gibt es keinen Vertrauensverlust.” Die aktuellen Proteste seien “kein Problem für Albanien”, sondern “ein wunderbares Beispiel für Freiheit, für gelebte Demokratie”. Für ihn würden die Massenproteste vor seinem Büro im Zentrum von Tirana zeigen, wie weit das Land in den vergangenen Jahrzehnten gekommen sei. Noch während der Diktatur seien Menschen schließlich für ihren Protest auf eben diesem Boulevard vom Regime getötet worden.
“Es gibt keine Privatisierung”
Auslöser für die Proteste, in denen sich die teils seit Jahren aufgestaute Unzufriedenheit mit dem politischen Establishment in Albanien Bahn bricht, ist der geplante Bau von Luxusressorts im Bereich des Vjosa-Narta-Deltas. Dieses größtenteils noch unverbaute und teils unter Naturschutz stehende Stück Adriaküste dient jedes Jahr Millionen von Zugvögeln als Rastplatz und ist die Heimat von seltenen Tieren wie der Mönchsrobbe und dem Flamingo, der dem Protest inzwischen seinen Namen gegeben hat. Dass sie stellenweise noch so unberührt wirkt, ist es jedoch auch, was die Riviera nun interessant macht für ausländische Investoren.
Auf der bislang unbewohnten Insel Sazan und an der Küste sollen verschiedene Luxusressorts gebaut werden, an denen unter anderem Jared Kushner, Schwiegersohn von US-Präsident Donald Trump, mit seiner Investmentfirma Affinity Partners beteiligt ist. Mehr als vier Milliarden Euro von ausländischen Investoren sollen in das Gebiet fließen. “Ich kämpfe dafür, direkte Auslandsinvestitionen nach Albanien zu bringen. Ich kämpfe für Bauprojekte, die nicht nur für Albanien von großem Nutzen sind, sondern auch einen Gewinn für Europa darstellen”, sagt Rama.
Das Bauvorhaben wurde 2024 erstmals öffentlich bekannt. Bereits damals stieß es auf Kritik, vor allem von Umweltschützern. Die aktuellen Proteste flammten vor etwa einem Monat auf, nachdem ein zuvor öffentlicher Küstenstreifen eingezäunt worden war. Die Demonstranten werfen Premier Rama vor, die Interessen von ausländischen Investoren vor die seiner Landsleute zu stellen und öffentliche Räume so Stück für Stück zu privatisieren. Rama schmettert diesen Vorwurf im Interview mit der DW ab: “Es gibt keine Privatisierung öffentlicher Räume. So einfach – das passiert nicht. Das ist eine Lüge.”
Auf kritische Fragen von Journalisten reagiert Rama oft konfrontativ. Auch im Gespräch mit der DW antwortet er teils unwirsch. Eine Garantie, dass öffentliche Orte nicht privatisiert würden, müsse er nicht geben, denn schon die Frage sei falsch gestellt, sagt er. Es gebe nichts, was darauf hindeute, dass so etwas geplant sei.
Zwischen Zukunft und Ausverkauf
Was noch notwendige Investitionen in die Zukunft Albaniens sind und was bereits der Ausverkauf der Natur, darüber wird aktuell im Land heftig diskutiert. “Shqipëria nuk është në shitje!” – auf Deutsch: “Albanien steht nicht zum Verkauf” ist eine der zentralen Parolen bei den Protesten.
In den vergangenen Jahren hat sich der Tourismus zu einer wichtigen Stütze der albanischen Wirtschaft entwickelt. So schätzt beispielsweise der Branchenverband World Travel & Tourism Council, dass der Tourismus etwa ein Viertel des albanischen Bruttoinlandsprodukt ausmacht, wenn man auch indirekte Einflüsse wie Lieferketten und die Bauwirtschaft dazuzählt.
Rama betont im Interview, wie wichtig die vielen Bauvorhaben während seiner inzwischen knapp 13 Jahre als Premierminister für die Weiterentwicklung des Tourismus gewesen seien: “Die Umgestaltung öffentlicher Orte und die Umgestaltung urbaner Orte waren Teil meines Weges [als Bürgermeister von Tirana, als Kulturminister und Premier]. Und wenn Albanien heute zwölf Millionen Touristen empfängt, dann ist es dank dieser Bemühungen.”
Luxusprojekte im Naturschutzgebiet
Möglich wurden die zahlreichen Bauvorhaben an diesem Abschnitt der albanischen Riviera erst durch eine Änderung des Gesetzes für Schutzgebiete im Februar 2024. Durch diese Anpassung sind nun auch in Naturschutzgebieten “strategische Investitionen” und der Bau von Luxushotels möglich – inklusive der benötigten Infrastruktur.
Umweltschützer kritisieren, dass die Regierung sich so einen Hebel eingebaut habe, mit dem sie den Naturschutz nach Belieben außer Kraft setzen könne. Auch die Europäische Kommission warnt in ihrem aktuellen Fortschrittsbericht zu Albanien, das Gesetz habe zu einer “Verschlechterung des Naturschutzes” geführt.
Das sieht Rama anders: “Ja, wir haben Änderungen am Gesetz vorgenommen. Aber wir haben den Kern des Gesetzes nicht geändert, und unsere Änderungen verstoßen nicht gegen europäische Standards und Kriterien”, sagt er – das werde man aber auch noch einmal überprüfen lassen.
Überhaupt glaubt Rama, dass viel der Kritik aus dem Ausland an den Eingriffen in die Umwelt weniger mit Albanien selbst zu tun habe, dafür umso mehr mit einem bestimmten Namen: Trump. Dass ausgerechnet der Schwiegersohn des US-amerikanischen Präsidenten in Albanien investieren wolle, scheine im Ausland viele zu stören, glaubt er: “Albanien ist zu einer Bühne geworden für alle möglichen Anti-Trump-Kräfte, die sich versammeln und ihre Meinung kundtun.” Den “normalen Menschen, die sich aufrichtig an diesem Protest beteiligen” werde er jedoch seine Aufmerksamkeit widmen, versprach Rama. “Sie haben etwas zu sagen; wir haben die Pflicht, ihnen zuzuhören.”
