
„Flamingo-Revolution“: Albaner protestieren gegen Trump-Luxusprojekt
In Albanien dauern die Massenproteste gegen ein umstrittenes Tourismusvorhaben an der Adriaküste mittlerweile 39 Tage an. Auch am Vorabend versammelten sich erneut Tausende vor dem Regierungssitz in Tirana, um gegen das Bauprojekt zu demonstrieren. Hinter dem geplanten Luxusresort in einem Naturschutzgebiet am Flussdelta der Vjosa steht der US-amerikanische Investor Jared Kushner, Schwiegersohn von Präsident Donald Trump. Hier die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick:
Was soll genau errichtet werden?
In der Lagune bei Zvernec und auf der vorgelagerten Insel Sazan sind der Bau von Luxusresorts, Hotels, Villen, Yachthäfen und weiterer touristischer Infrastruktur geplant. Es handelt sich nicht um ein Massentourismus-Projekt, jedoch ist die Anlage als Premium-Destination für mehrere tausend zahlende Gäste konzipiert. Die Investitionssumme wird auf 4 bis 5 Milliarden Euro geschätzt – für Albanien, eines der ärmsten Länder Europas, ein enormer Betrag.
Warum lehnen so viele Albaner das Projekt ab?
Das Bauvorhaben erstreckt sich über Teile des Naturschutzgebietes Narta-Vjosa, das die Narta-Lagune und das Mündungsdelta der Vjosa umfasst. Dieses Gebiet beherbergt zahlreiche geschützte Tierarten, darunter Flamingos, weitere Vogelarten sowie Meeresschildkröten. Die Dünen der Narta-Lagune bilden ein europaweit einzigartiges Ökosystem. Kritiker befürchten, dass die Brut- und Nistplätze der gefährdeten Tiere zerstört werden könnten. Viele Demonstranten tragen Kartonbilder von rosafarbenen Flamingos, weshalb die Protestbewegung als „Flamingo-Revolution“ bekannt ist.
Welche Verbindung besteht zur Trump-Familie?
Das Bauprojekt wird maßgeblich von Atlantic Incubation Partners LLC finanziert, einem Unternehmen, das mit Jared Kushners Fonds Affinity Partners verknüpft ist. Kushner ist mit Ivanka Trump, der Tochter von Donald Trump, verheiratet. Beide besuchten das Bauvorhaben bereits vor Ort und trafen den albanischen Premierminister Edi Rama. Die Idee zu dem Projekt entstand laut Ivanka in einem Podcast während eines gemeinsamen Urlaubs: Sie und Kushner hätten vor Jahren auf dem Meer die Insel entdeckt, sie erkundet und beschlossen, ihr Potenzial zu nutzen.
Wie kann ein Hotelprojekt in einem Naturschutzgebiet genehmigt werden?
Der sozialistische Ministerpräsident Rama unterstützt das Kushner-Projekt nachdrücklich. Vor zwei Jahren ließ er das Naturschutzgesetz ändern, sodass touristische Entwicklungen unter bestimmten Bedingungen auch in Schutzgebieten zulässig sind. Zudem stuft seine Regierung das Vorhaben als „strategische Investition“ ein, was die Genehmigungsverfahren deutlich vereinfacht.
Wie reagiert Rama auf die Proteste?
Er zeigt sich gereizt bis beleidigt. Auslöser der Demonstrationen war, dass der Investor das Baugelände bei Zvernec heimlich umzäunte und Sicherheitskräfte am 30. Mai einen Demonstranten am Bauzaun schlugen. Rama bezeichnete die Proteste als fehlgeleitet, da „es noch kein Projekt gebe“. Den Umweltschützern wirft er vor, mit „falschen Fakten“ zu arbeiten, liefert selbst jedoch keine belastbaren Informationen und spricht lediglich in blumigen Worten davon, dass das milliardenschwere Vorhaben „ein Geschenk nicht nur für Albanien, sondern für ganz Europa“ sei. Aufgrund mangelnder Transparenz bleiben viele Projektdetails unklar.
Richten sich die Proteste auch gegen Premierminister Rama?
Ja, die sofortige Rücktrittsforderung gegen Rama ist fester Bestandteil der Demonstrationen. Er gilt als anfällig für Korruption, und gegen mehrere seiner engsten Vertrauten, darunter Tiranas Bürgermeister Erion Veliaj, laufen Korruptionsverfahren. Die Demonstranten fordern nicht nur Ramás Verhaftung, sondern auch die seines politischen Gegners, des nationalistischen Oppositionsführers Sali Berisha. Berisha, 81 Jahre alt, war von 1992 bis 1997 Präsident und von 2005 bis 2013 Ministerpräsident Albaniens. Die USA haben ihn wegen Korruptionsvorwürfen auf ihre Sanktionsliste gesetzt.
Steht eine Revolution gegen das politische System Albaniens bevor?
Albanien war vor der demokratischen Wende eines der repressivsten kommunistischen Länder Europas. Rama, ursprünglich Künstler, ist Sohn eines kommunistischen Bildhauers, der Statuen des Diktators Enver Hoxha schuf. Berisha war einst Hoxhas Kardiologe. Nach der Wende entwickelten sich demokratische Strukturen, doch die Politik wird weiterhin von der ehemaligen kommunistischen Sozialistischen Partei (PS), die Rama seit 2005 führt, und Berishas Demokratischer Partei (PD) dominiert.
Beide Parteien werden zudem mit organisierter Kriminalität in Verbindung gebracht. Die Demonstranten fordern bei jeder Gelegenheit eine Überwindung dieses dysfunktionalen Systems. Für sie ist die Missachtung des Naturschutzes nur ein Symptom der zahlreichen Probleme im politischen und gesellschaftlichen Leben Albaniens.
Wie stehen die Chancen, dass die „Flamingo-Revolution“ Albanien verändert?
Derzeit sieht es trotz der hohen Teilnehmerzahlen nicht danach aus, dass die Bewegung die festgefahrenen Strukturen der albanischen Politik durchbrechen kann. Es mangelt ihr an Strategien, Führungspersönlichkeiten und Einfluss auf die teils noch archaischen Gesellschaftsschichten außerhalb der Großstädte wie Tirana. Dennoch bleibt die Protestbereitschaft hoch, sodass ein baldiges Nachlassen der Demonstrationen unwahrscheinlich ist.
