
„Flamingo-Revolution“: Zusammenstöße bei Protesten in Tirana
„Flamingo-Revolution“
Bei der bisher weitgehend friedlichen Protestwelle in Albanien ist es am Donnerstag zu Zusammenstößen zwischen Demonstrierenden und Polizei gekommen. Die Demonstranten versuchten, das Parlamentsgebäude in Tirana zu blockieren, und warfen Eier und Mehl gegen die Polizisten, wie albanische Medien berichteten. Die Beamten setzten Wasserwerfer und Pfefferspray ein, um die Menge zurückzudrängen. Es kam zu Festnahmen, mehrere Menschen wurden verletzt.
Der Protest richtete sich gegen die geplante Verbauung von Teilen der Lagune von Narta im Delta des Flusses Vjosa durch amerikanische Investoren. Federführend ist dabei eine Firma von Jared Kushner, dem Schwiegersohn von US-Präsident Donald Trump.
Im Naturschutzgebiet in der Bucht von Zvernec und auf der Insel Sazan sollen Luxushotels, Villenanlagen und Freizeiteinrichtungen entstehen. Umweltschützer befürchten, dass das Vorhaben das sensible Ökosystem im Vjosa-Delta an der Adria nachhaltig beschädigen könnte. Dazu gehören etwa Rast- und Brutgebiete für Flamingos, Reiher und andere Vögel.
Breite Protestbewegung im Zeichen des Flamingos
In Tirana demonstrieren deshalb seit mehr als einem Monat an den Abenden jeweils Tausende Menschen. Die Medien sprechen inzwischen von einer „Flamingo-Revolution“.
Mittlerweile richten sich die Proteste aber auch gegen die Regierung von Ministerpräsident Edi Rama: Sie haben sich inzwischen zu einer breiteren Bewegung gegen Korruption, steigende Lebenshaltungskosten, Probleme im Gesundheitswesen, niedrige Renten und fehlende Perspektiven für junge Menschen ausgeweitet. Auch im Ausland lebende Albaner reisten zu den Kundgebungen an.

Erste Proteste untertags
Der Protest am Donnerstag fand erstmals tagsüber statt und zielte auf eine Blockade des Parlaments ab. Dabei wurden 18 Personen vorläufig festgenommen, berichtete die staatliche Nachrichtenagentur ATA unter Berufung auf die Polizei. 15 Polizisten und vier Demonstranten wurden wegen Verletzungen in Krankenhäusern versorgt, schrieb die Agentur weiter.

Schon am Dienstag waren bei Protesten sechs Demonstrierende festgenommen worden, die Eier auf Autos von Abgeordneten geworfen hatten.
Umstrittene Rolle von Rama
Die Demonstranten vermuten hinter dem Beharren von Ministerpräsident Rama auf dem Projekt Korruption. Der sozialistische Politiker hatte vor knapp zwei Jahren das Gesetz zu Naturschutzgebieten verwässern lassen. Das ermöglicht es überhaupt, dass das Vjosa-Delta für den Luxustourismus erschlossen werden kann.

Rama behauptet wiederum, das derzeit noch gar keine Baugenehmigung vorläge. Tatsächlich aber waren Ende Mai Baumaschinen auf dem vorgesehenen Gelände aufgefahren, was die bis heute anhaltende Protestwelle ausgelöst hatte.
