Punë në Gjermani

Intransparente Baupläne für ein Luxusprojekt im Vjosa-Narta-Naturschutzgebiet lösten in Albanien die größten Proteste seit mehr als 30 Jahren aus.


Eine Geschichte, reif für das nächste Hollywood-Skript: Ivanka Trump, die Tochter des US-Präsidenten, und ihr Mann Jared Kushner sind im Jahr 2021 auf der Yacht eines Freundes und „entdecken” beim Schwimmen die albanische Insel Sazan. Sie wandern barfuß zur Spitze der Insel und verlieben sich in die atemberaubende, unberührte Landschaft mit fast prähistorischem Flair. Hier muss ein Luxusresort her, denken sie sich.

Blöd nur, dass die Insel ein felsiger Granit- und Kalkgesteinaufschluss ist, bewohnt von Schlangen und umgeben von Landminen und Bunkern als Überbleibsel aus der kommunistischen Diktatur von Enver Hoxha. Nachdem Albanien in den 1960er-Jahren die Verbindungen zur Sowjetunion abgebrochen hatte, baute das paranoide Hoxha-Regime Betonbunker an den Stränden, Stadtstraßen und in den Bergen, um sich gegen vermeintliche Invasionen vorzubereiten.

Schön ist die Insel mit türkisfarbenem Wasser, weißen Stränden und felsigen Küsten allemal. Barfuß hinaufspaziert sei hier aber noch niemand, spotteten Albaner:innen nach Ivanka Trumps Erzählung. Über das geplante Projekt sind sie empört. Seit mehr als zwei Monaten gehen sie jeden Nachmittag mit dem Slogan „Albanien steht nicht zum Verkauf“ auf die Straße.

Nach Kushners Plänen soll auf der Insel für 1,4 Milliarden Euro ein Luxus-Öko-Resort entstehen. Auf der gegenüberliegenden Küste in Zvërnec soll im Vjosa-Narta-Schutzgebiet für weitere 4,7 Milliarden Euro ein Riesenprojekt mit Hotels, Apartments und Luxusvillen gebaut werden. Ganz schön viel Geld für ein Land mit einem Bruttoinlandsprodukt von nur etwa 27 Milliarden Euro, sagte auch Premierminister Edi Rama, als er die Pläne verteidigte.

Rama soll damals mit Kushner und Trump auf der Yacht gewesen sein. Eine Gesetzesänderung aus dem Jahr 2024 machte das Projekt an der Küste erst möglich: Seitdem ist der Bau von Fünf-Sterne-Luxusunterkünften und Agrotourismus-Einrichtungen innerhalb von Schutzgebieten erlaubt (siehe auch Infos und Quellen). Danach wurden die Visualisierungen für das Projekt öffentlich gemacht. Geleitet wird es hauptsächlich von Kushners Partnern, darunter ein amerikanischer Bauträger und ein katarischer Mischkonzern.

Jachthafen statt Sanddünen

Damit steht der einzigartige Lebensraum für stark gefährdete Tiere wie die Mönchsrobbe, unechte Karettschildkröte, Pelikane oder auch Flamingos auf dem Spiel. Es sei ein „einzigartiger Ort“, an dem man laut dem Ökologen und Umweltaktivisten Joni Vorpsi eine „zauberhafte Manifestation der Natur“ vorfinde. Seit mehr als zehn Jahren engagiert sich der 31-Jährige für den Naturschutz. In dem geplanten Projekt sieht er den Umgang mit der Natur insgesamt gefährdet. „Heute steht man dort vor einzigartigen Sanddünen, einem Kiefernwald und dem Meer. Manchmal sind sogar Delfine zu sehen. An ihre Stelle sollen ein Jachthafen und eine neue Stadt treten“, sagt Vorpsi im WZ-Interview.

Auf der Insel Sazan müsste die gesamte Infrastruktur erst hergestellt werden. Das Projekt braucht eine eigene Energie- und Wasserversorgung, und auch der Wasserhaushalt würde sich grundlegend verändern, so der Aktivist.

Das Gebiet ist außerdem einer der wichtigsten Rastplätze entlang der adriatischen Vogelzugroute. Vögel machen dort Halt, um zu brüten, Nahrung zu suchen, den Winter beziehungsweise Sommer zu verbringen, sich auszuruhen oder das Gebiet einfach zu überfliegen. Mehr als 200 Vogelarten wurden im Schutzgebiet Vjosa-Narta nachgewiesen. Es sei somit ein idealer Ort für Vogelbeobachtung und nachhaltige Entwicklung, so Kritiker:innen des Projekts.

Die Proteste, die mittlerweile täglich in der albanischen Hauptstadt Tirana stattfinden, begannen im Mai. Umweltschutzorganisationen berichteten, dass ein Stacheldrahtzaun aufgestellt wurde und der Bau von Straßen bereits begonnen habe. Einwohner:innen des Küstendorfs Zvërnec organisierten einen Protest, bei dem ein Protestierender von privaten Sicherheitsleuten geschlagen und über den Boden gezerrt wurde. Ein Video ging viral und traf wohl einen wunden Punkt. Einen Tag später, am 31. Mai, fand in Tirana der erste große Protest statt.

Aufgestauter Zorn

Zwei Monate später hat der Protest noch immer nicht an Energie verloren. Die „Flamingo-Revolution“, wie er auch genannt wird, ist somit zum größten Protest seit dem Ende der kommunistischen Diktatur geworden. Der August sei zwar ein eher ruhiger Monat, sagen die Gesprächspartner:innen zur WZ, doch die Hoffnung bestehe, dass es bis in den Herbst weitergehe. Aber woher kommt diese Revolte?

Es könnte der Zorn sein, der sich über die Jahre wegen bekannter Problemen aufgestaut hat. „Das Projekt steht sinnbildlich für das, was in Albanien seit Langem geschieht“, sagt Oppositionspolitiker Redi Muçi. Die Nähe der Regierung zur organisierten Kriminalität, Korruption und der Mangel an Demokratie hätten das Fass nun zum Überlaufen gebracht. „Mutmaßliche Geldwäsche über die Baubranche ist in Albanien allgegenwärtig. Und diese Menschen aus der organisierten Kriminalität verhalten sich hier, als stünden sie über dem Gesetz“, sagt Muçi.

Einer, dessen Name auch mit dem Projekt in der Vjosa-Narta in Verbindung gebracht wird, ist Artur Shehu. Der in Miami ansässige Geschäftsmann behauptete, dass er Anspruch auf Land in dem Gebiet habe, und lieferte als Nachweis Dokumente aus Zeiten der osmanischen Herrschaft, die aber gefälscht sein sollen, meinen Anwohner:innen. Shehu verkaufte das Gebiet für knapp über 100 Millionen Euro an die von Kushner unterstützte Projektentwicklungsgruppe, die Ansprüche werden aber nun vor Gericht bestritten und die Gelder wurden von der Staatsanwaltschaft eingefroren. Außerdem ist er wegen Geldwäsche und groß angelegtem Drogenhandel im Visier der Behörden. Die Anti-Korruptionsbehörde SPAK ermittelt in diesem Zusammenhang noch gegen eine weitere Person, die allerdings nicht namentlich genannt wird.

Politisches System einzementiert

Und unter den Wolkenkratzern in Tirana finden sich Gebäude, die mutmaßlich mit Geld aus Drogenhandel finanziert wurden. Premierminister Rama nennt Tirana deshalb die „größte Open-Air-Schule für Architektur“ und kontaktiert seit Jahren renommierte Architekt:innen aus Europa, Amerika, Japan, Südkorea oder China für Projekte in Tirana oder an der Küste. Die Planer:innen können meist nicht wissen, woher das Geld für ihre Projekte kommt. Aber dadurch wird die Verzwickung der Regierung mit der organisierten Kriminalität beschönigt, sagt Muçi.

Der niederländische Architekt Reinier de Graaf nannte Albanien in der kürzlich herausgegebenen Architektur-Kollektion Albania-Files ein „Mekka für zeitgenössische Architektur“. In einem offenen Brief schwärmte er für Rama und plädierte dafür, Wahlen in Albanien abzuschaffen und ihn als „wohlwollenden Autokraten mit Geschmack“ auf Lebenszeit einzustellen.

Was wohl als Witz gemeint war, spiegelt aber auch noch eine weitere Frustration der Albaner:innen über das politische System wider: Eine Gesetzesänderung aus dem Jahr 2008 begünstigt die zwei großen Parteien – die regierende Sozialistische Partei (PS) und die Demokratische Partei (PD) von Sali Berisha. Vor allem in ländlichen Regionen ist es für kleine Parteien schwieriger, Sitze im Parlament zu bekommen. Edi Rama ist mit der PS seit 2013 an der Spitze.

Die Macht bleibt so bei den beiden Großparteien. Deshalb richten sich die Protestierenden auch gegen beide. „Sie sehen in Rama und Berisha Vertreter eines Systems, das viele junge Albaner:innen zur Auswanderung gedrängt hat, weil es schwierig geworden ist, sich ohne Verbindungen zur Regierungspartei eine Karriere aufzubauen“, sagt Muçi, der als einziger Vertreter seiner linken Partei Lëvizja Bashkë im Parlament sitzt. Vor der Sommerpause haben sich Demonstrierende auch mehrmals vor dem Parlament versammelt, um Eier auf die Abgeordneten zu werfen.

Ganz so einfach dürfte sich die aktuelle Krise nicht lösen lassen, meint auch Expertin Gresa Hasa, die in Tirana und Graz studiert hat und zur Justizreform in Albanien forscht. „Es gibt derzeit keine Anzeichen dafür, dass Edi Rama von dem Projekt abrücken wird. Eine Absage wäre vermutlich nur möglich, wenn der Druck der EU-Kommission deutlich zunimmt“, so Hasa. Immerhin gilt das Land als Favorit für einen EU-Beitritt, deshalb bestehe weiterhin die Hoffnung, dass der Druck aus Brüssel das Projekt stoppen könnte und das Gesetz für den Bau von Luxusresorts in Schutzgebieten geändert wird. Bis dahin gehen sie eben mit pinken Styropor-Flamingos auf die Straße.



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