Kanye West baut Stadion in Albanien: Oh Ye, er kommt!
Als Klodian Makashi den wohl wichtigsten Anruf seiner Karriere als Event-Manager bekommt, muss er erst einmal Google Maps öffnen. Er weiß, dass dieser Auftrag eine große Sache wäre, ja mehr noch: das größte Konzert, das er je organisiert hat. Aber Makashi fehlt es an etwas Grundsätzlichem: Platz. Der 45-jährige Albaner wischt sich also durch Satellitenbilder auf der Suche nach einer Fläche, die zwei Anforderungen erfüllt: 60.000 Menschen müssen dort Platz haben. Sowie ein überdimensional großer Globus.
In Tirana, einer dicht besiedelten Balkan-Metropole, in der an gefühlt jeder zweiten Straßenecke ein neuer Wohnblock in den Himmel wächst, ist das alles andere als einfach. Aber dann wird Makashi fündig: Neben dem „Casa Italia“, einem in die Jahre gekommenen Shoppingcenter an der Autobahn, erstreckt sich ein riesiges Brachland. Auch hier sollen in einem halben Jahr Wohnblöcke gebaut werden. Aber noch ist das Areal – leer. Jackpot. Makashi nimmt den Auftrag an. Er hat jetzt weniger als zwei Monate Zeit, um auf der Brache ein Stadion zu bauen. Für den US-Rapper Kanye West, einen der kontroversesten Musiker unserer Zeit.
Seit Jahren fällt der einst gefeierte Rapper, der sich seit 2021 Ye nennt, mit antisemitischen Äußerungen und anderen Grenzüberschreitungen auf. Am Höhepunkt der „Black Lives Matter“-Bewegung, die Polizeigewalt gegen Afroamerikaner anprangerte, trug West – selbst schwarz – demonstrativ ein T-Shirt mit der Aufschrift „White Lives Matter“. West hat sich bewundernd über Adolf Hitler geäußert und rechtsradikale Verschwörungstheorien verbreitet. Nach diversen antisemitischen Tiraden wurden seine Social-Media-Accounts auf Twitter und Instagram gesperrt. Große Marken wie der Sportartikelhersteller Adidas (mit dem Kanye West eine hochlukrative Sneaker-Linie betrieb) beendeten die Zusammenarbeit.
Der Musiker erklärte, unter einer bipolaren Störung zu leiden, und entschuldigte sich in einem auf Hebräisch verfassten Posting. Doch im Februar 2025 legte er von Neuem los. In einem stundenlangen Social-Media-Rant bekannte er, Hitler zu lieben und ein Nazi zu sein. In seinem Online-Shop verkaufte Ye T-Shirts mit Hakenkreuz-Prints. Im Mai 2025 veröffentlichte er einen Song namens „Heil Hitler“. Das Stück endet mit einer Hitler-Rede aus dem Jahr 1938. Alle großen Streaming-Plattformen haben das Lied aus dem Sortiment genommen.
Ähnlich ergeht es dem Künstler jetzt mit seinen Livekonzerten. Im Sommer geht Kanye West auf Tour, aber mehrere Länder haben ihn bereits demonstrativ ausgeladen. Die britische Regierung verweigerte Kanye West die Einreise, Australien hat ihm das Visum entzogen. Auch Indien machte einen Rückzieher. Konzerte in Frankreich, Polen und der Schweiz wurden bereits abgesagt. In den Niederlanden will eine Mehrheit im Parlament die dort geplanten Konzerte ebenfalls absagen.
Roter Teppich in Albanien
Albanien hingegen rollt dem Skandal-Rapper den roten Teppich aus. Und damit ausgerechnet ein Land, das im Zweiten Weltkrieg zum sicheren Hafen für Juden und Jüdinnen aus ganz Europa wurde. Obwohl Albanien von italienischen und deutschen Faschisten besetzt war, verweigerte die damalige Führung Deportationen. Staatliche Stellen versorgten jüdische Flüchtlinge mit gefälschten Papieren, damit sie sich unter die überwiegend muslimische Bevölkerung mischen konnten. Albanische Familien versteckten Jüdinnen und Juden in ihren Häusern und begründeten dies mit einem jahrhundertealten Gewohnheitsrecht, einer Art Ehrenkodex. Während die jüdische Bevölkerung in den Nachbarländern systematisch deportiert und ermordet wurde, lebten in Albanien nach dem Zweiten Weltkrieg mehr Jüdinnen und Juden als zuvor. Warum lässt das Land jetzt einen Rapper auftreten, der T-Shirts mit Hakenkreuzen verkauft?
Antworten finden sich im achten Stock eines Büroturms in Tirana mit Blick über die Stadt und einer Raiffeisen-Filiale im Erdgeschoss. „Red Cloud“ heißt die Firma, die hier ihren Sitz hat. „Cloud“ deswegen, weil man Anfang der Nullerjahre als IT-Unternehmen startete, unter anderem, um ausländische Botschaften mit Callcenter-Services zu unterstützen. Und „Red“, weil die albanische Fahne rot ist.
Der Weg zu Klodian Makashi, dem Eigentümer und Gründer von „Red Cloud“, ist mit gerahmten Konzertplakaten garniert. Es ist seine „Wall of Fame“ als Event-Manager. Makashis erstes Konzert: Helena Paparizou, eine Sängerin, die 2005 für Griechenland den Eurovision Song Contest gewann. Das Konzert endete in einer finanziellen Katastrophe. In Albanien gab es damals keine Versicherung für Kulturveranstaltungen, und als das Konzert wegen Schlechtwetters ins Wasser fiel, blieb Makashi auf einem Schuldenberg sitzen. Mittlerweile ist er in der lokalen Szene aber gut etabliert. Er hat den Popsänger Bryan Adams, die Rockband Scorpions und den Reggae-Sänger Skip Marley nach Tirana geholt. Zuletzt hat er ein Bierfestival organisiert und ein Festival, bei dem sich Teilnehmer mit bunten Farbpulverbeuteln bewerfen.

© Screenshot/Instagram/streetlife_international
Stadion in Tirana
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Stadion in Tirana
Vor einigen Monaten bekam Makashi dann eine Nachricht. Ein befreundeter Booker aus den Niederlanden fragte an, ob er Interesse an Kanye West habe. „Ich habe das zuerst nicht ernst genommen“, sagt Makashi. Aber das Management des Rappers offenbar schon. Man wollte 2026 endlich wieder Shows in Europa spielen. Makashi schlug vor, das Konzert am Skanderbeg-Platz in Tirana zu veranstalten, einer 38.000 Quadratmeter großen Fußgängerzone im Zentrum der Stadt, flankiert von einer Moschee und der brutalistisch anmutenden Oper. Im Kommunismus stand hier eine meterhohe Statue des damaligen Diktators Enver Hoxha, vor einigen Jahren trat am selben Ort die bekannte Popsängerin Dua Lipa – selbst albanischer Abstammung – auf. Warum also nicht auch Kanye West?
Makashis Angebot ist damals allerdings nicht wirklich ernst gemeint. Er glaubt selbst nicht daran, dass die Location den Anforderungen entspricht. Denn Kanye West kommt mit einem ausgeklügelten Bühnenbild im Gepäck. Er performt auf einer riesigen Erdkugel, umgeben von Publikum. In Los Angeles ist er mit dieser Show in einem Stadion aufgetreten, in dem auch Mega-Events wie der Super-Bowl oder die Olympischen Sommerspiele stattfinden.
Albanien wiederum mangelt es an grundlegender Infrastruktur. Es gibt keinen echten Bahnverkehr, und obwohl Tirana mittlerweile eine Millionenstadt ist, weder Metro noch Straßenbahn. Verstopfte Straßen gehören zum Alltag. Aber wenn Albanien etwas kann, dann unter enormem Zeitdruck große Bauten aus dem Boden stampfen. An der Küste durfte ein Baulöwe, der einst den Kreml in Moskau renovierte, einen Flughafen bauen, ohne dass überhaupt eine Baugenehmigung vorlag.
Als im Mai 2025 sämtliche Staatschefs und -chefinnen aus Europa zum Gipfel der Europäischen Politischen Gemeinschaft anreisten – von Österreichs Kanzler Christian Stocker über Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, Italiens Regierungschefin Giorgia Meloni bis zum türkischen Präsidenten Erdoğan –, ließ Albaniens Ministerpräsident Edi Rama in kürzester Zeit einen Pavillon mitten im Zentrum bauen. Das beauftragte Unternehmen: „Red Cloud“.
Edi Rama gibt Sanctus
Klodian Makashi verfügt über gute Kontakte zum mächtigsten Mann des Landes. Bei Edi Rama, dessen sozialistische Partei (PS) seit 2013 regiert, laufen in Albanien alle Fäden zusammen. Die PS hat die absolute Mehrheit im Parlament und kontrolliert so gut wie alle Gemeinden. Innerhalb der Partei soll es wenig Pluralismus und Debattenkultur geben, sagen Kritiker. Der Mann, der seit Jahren alles entscheidet, sei Rama. Auch dem Kanye-West-Konzert hat der Ministerpräsident seinen persönlichen Sanctus gegeben.
Am 10. März sitzt Klodian Makashi mit einigen Mitarbeitern von Kanye West in Edi Ramas Büro – ein sonderbarer, aber faszinierender Ort. Über der Tür hängt ein Basketball-Korb, daneben ein Kleiderständer mit bunten Krawatten. Die Wände sind mit Ramas bunten Malereien vollgekritzelt – er war früher einmal Künstler in Paris. Rama, der bei EU-Gipfeln Turnschuhe trägt, profitiert seit Jahren von seinem Image als unkonventionellster Machthaber auf dem Balkan.
Dieses Image ist hilfreich, weil Rama politisch immer mehr in Erklärungsnot gerät. Seine engsten Weggefährten sind ins Visier der Staatsanwaltschaft geraten. Es geht um Baukorruption und Freunderlwirtschaft. Ideologisch hat Rama keine Berührungsängste. Er pflegt enge Kontakte zur rechten Hardlinerin Giorgia Meloni, obwohl seine Partei assoziiertes Mitglied der Sozialdemokratischen Partei Europas ist, der auch die SPÖ angehört. Auch mit Israel pflegt Albanien enge Kooperationen – beispielsweise im Bereich der digitalen Infrastruktur. Zum Kanye-West-Konzert in Tirana sagt Rama sofort zu. So zumindest erzählt es Makashi, der Event-Manager.
Nach zahlreichen Absagen will das Management des Rappers bei dem Termin mit Rama sichergehen, dass nicht nur private Organisatoren hinter dem Konzert stehen, sondern auch die Regierung. Aber warum macht Rama das? „Dafür gibt es nur eine einzige logische Antwort“, sagt Makashi: „Werbung und Aufmerksamkeit für Albanien.“ Das Land ist eine aufstrebende Tourismus-Destination. Auch Makashi hat keine moralischen Bedenken. „Kanye West ist am besten Weg, die Dinge wiedergutzumachen. Aber einige Länder vergessen nicht so leicht, was er gesagt hat“, meint er. Laut Makashi wird sich Kanye West auch mit Rama treffen. Er rechne ihm hoch an, dass dieser ihn nicht nur in sein Land eingeladen, sondern das Konzert auch auf seinem Instagram-Account beworben hat.
Wie bei Lego-Bausteinen
Fehlt nur noch das Stadion. Noch erstreckt sich auf dem Areal neben dem Einkaufszentrum „Casa Italia“ karges, hügeliges Brachland. Bagger haben schon damit begonnen, den Boden mit Walzen plattzudrücken. Mitarbeiter aus Kanye Wests Team hätten die Hände über den Kopf zusammengeschlagen, als sie das Areal sahen, lacht Makashi. Hier soll am 11. Juli ein fix und fertiges Stadion für 60.000 Menschen stehen?
Man müsse sich das so ähnlich wie einen Lego-Bausatz vorstellen, beruhigt ein Beamter aus dem albanischen Kulturministerium. Die Teile für das Stadion werden ins Land gebracht, zusammengebaut, und nach dem Konzert wird die große Bühne einfach wieder auseinandergenommen.
Auf Google Maps gibt es das Stadion bereits. Es heißt dort „Eagle Stadium“. Ein digitales Rendering zeigte einen futuristischen Bau mit einer Erdkugel in der Mitte. Genau so, wie sich Kanye West das vorgestellt hat.


