Migration: Italien feiert Abschiebezentrum in Albanien als „Revolution“
Von außen wirkt die Anlage wie eine gewöhnliche Kaserne. Hohe Zäune, Überwachungskameras, Sicherheitskräfte. Doch das Lager im nordalbanischen Gjader ist zum Symbol eines politischen Großprojekts geworden, an dem sich die italienische Regierung seit mehr als zweieinhalb Jahren abarbeitet. Nach zahlreichen Rückschlägen, Gerichtsurteilen und monatelang leer stehenden Gebäuden glaubt Rom nun, die entscheidende Hürde überwunden zu haben. Mit dem Inkrafttreten des neuen europäischen Asyl- und Migrationspakts am 12. Juni soll das sogenannte Albanien-Modell endlich funktionieren.
Innenminister Matteo Piantedosi spricht von einer „kopernikanischen Revolution“. Tatsächlich werde die Reform einen Wendepunkt in der europäischen Migrationspolitik markieren, versichert der Minister.
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Italien war einer der wichtigsten Treiber des neuen EU-Asylpakts und sieht sich nun in der Rolle des Vorreiters. Die Rechtsregierung von Ministerpräsidentin Giorgia Meloni will die neuen Regeln nutzen, um Asylverfahren deutlich zu beschleunigen und Abschiebungen konsequenter durchzusetzen.
Italien beschleunigt Asylverfahren an den Außengrenzen
Weil das entsprechende Migrationsgesetz im Senat noch festhängt, hat das Kabinett nun per Dekret gehandelt, um die Prozeduren zu beschleunigen. Das neu gebilligte Maßnahmenpaket passt die italienischen Verwaltungs- und Gerichtsstrukturen an die neuen europäischen Vorschriften an. Im Mittelpunkt stehen sogenannte beschleunigte Grenzverfahren für Migranten aus sicheren Herkunftsstaaten oder Personen, die als Sicherheitsrisiko eingestuft werden.

Die Europäische Union erwartet, dass Italien im ersten Jahr mehr als 16.000 solcher Verfahren an den Außengrenzen bearbeitet. Die Betroffenen können zunächst bis zu 72 Stunden festgehalten werden.
Anschließend soll innerhalb von zwölf Wochen über ihren Asylantrag entschieden werden. Die Regierung geht davon aus, dass viele Anträge abgelehnt werden und die Betroffenen unmittelbar abgeschoben werden können.
Genau an diesem Punkt kommt Albanien wieder ins Spiel. Das Abkommen zwischen Rom und Tirana galt einst als Prestigeprojekt Melonis. Im November 2023 unterzeichnete die Ministerpräsidentin gemeinsam mit ihrem albanischen Amtskollegen Edi Rama die Vereinbarung über den Bau zweier italienisch verwalteter Aufnahmezentren in Albanien. In Shëngjin entstand ein Ankunftszentrum, in Gjader ein großer Lagerkomplex mit mehreren Einrichtungen.
Die Zentren blieben monatelang nahezu leer
Die Idee war ebenso einfach wie umstritten: Männer aus als sicher eingestuften Herkunftsländern sollten nach ihrer Rettung im Mittelmeer direkt nach Albanien gebracht werden. Dort sollten ihre Asylanträge in einem beschleunigten Verfahren geprüft werden. Wer keinen Schutzanspruch besitzt, sollte rasch zurückgeführt werden. Doch der Plan geriet schnell ins Stocken. Mehrere italienische Gerichte erklärten die Inhaftierung von Migranten in Albanien für unzulässig.
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Die Richter argumentierten, dass die Verfahren nicht mit europäischem Recht vereinbar seien. Die Folge: Die Zentren blieben monatelang nahezu leer.
Nun glaubt die Regierung, durch die neuen EU-Regeln Rückenwind zu erhalten. Erstmals wird es eine europäische Liste sicherer Herkunftsstaaten geben. Darauf stehen unter anderem Ägypten, Tunesien, Marokko und Bangladesch – Länder, aus denen viele Migranten nach Italien gelangen. Rom hofft, dass damit die rechtlichen Einwände gegen das Albanien-Modell weitgehend ausgeräumt werden.
Um möglichen neuen Konflikten mit der Justiz vorzubeugen, enthält das jüngste Dekret eine entscheidende Formulierung. Die europäischen Vorschriften erlauben die Unterbringung von Migranten in Grenz- oder Transitzonen. Albanien gehört weder geografisch noch rechtlich dazu.
Unklarheit über Abläufe und Zahlen in den Migranten-Zentren
Italien verweist nun auf eine Passage, die auch „andere vom Mitgliedstaat bestimmte Orte“ zulässt. Nach Auffassung der Regierung könnten die Zentren in Albanien unter diese Regel fallen. Ob diese Interpretation vor Gericht Bestand haben wird, ist allerdings offen.

Migranten werden in ein Abschiebelager gebracht.
© picture alliance / Sipa USA | SOPA Images
Dabei gibt es noch ein weiteres Problem: Niemand weiß genau, was in den Zentren tatsächlich geschieht. Regierungsvertreter betonen regelmäßig, das Projekt funktioniere inzwischen. Nach dem Besuch einer Delegation der Regierungspartei Fratelli d’Italia hieß es kürzlich, bereits 536 Migranten seien durch die Lager geschleust worden. Viele von ihnen seien abgeschoben worden. Überprüfen lässt sich diese Zahl nicht.
Das italienische Innenministerium veröffentlicht bis heute keine regelmäßigen Statistiken über die Einrichtungen in Albanien. Die entsprechende Internetseite ist seit Langem nicht mehr aktualisiert worden. Auch in den täglichen Migrationsberichten des Ministeriums tauchen die Zentren nicht auf.
Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
Hinter den Kulissen der Politik – meinungsstark, exklusiv, relevant.
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Menschenrechtsorganisationen und Wissenschaftler beklagen seit Jahren mangelnde Informationen über Aufenthaltsdauer, Verfahrensausgänge und Lebensbedingungen der Betroffenen.
Die wenigen verfügbaren Informationen stammen von unabhängigen Stellen. So besuchte der Nationale Garant für die Rechte von Personen in Gewahrsam die Anlage in Gjader im Oktober 2025. Damals befanden sich dort lediglich 17 Menschen. Nach Angaben der Behörde waren bis zu diesem Zeitpunkt insgesamt 192 Migranten durch die Zentren gegangen. Nur 56 von ihnen seien tatsächlich in ihre Herkunftsländer abgeschoben worden.
