Punë në Gjermani

Was ein Schweizer Milliardär mit den Protesten in Albanien zu tun hat – Republik


Die Flamingos des durch ein Bauvorhaben bedrohten Naturschutz­gebietes wurden zum Symbol der Proteste, hier in Tirana. Ilir Tsouko

«Albanien steht nicht zum Verkauf!» Diesen Ruf skandieren seit mehr als zwei Monaten jeden Abend Tausende Menschen in der Haupt­stadt Tirana. Das Land erlebt gerade die grössten Proteste seit dem Fall des sozialistischen Regimes Anfang der 1990er-Jahre. Der Auslöser für die Massen­bewegung ist ein Luxusresort, das Trumps Schwieger­sohn Jared Kushner in einem Naturschutz­gebiet bauen will.

Die Anlage soll im Süden des Landes auf der Insel Sazan und in der gegenüberliegenden Narta-Lagune entstehen. Kürzlich geleakte Dokumente zeigen, in welchen Dimensionen geplant wird: Jachthäfen, Golfplätze, Wasserparks und Villen, dazu Lande­plätze für Helikopter und Privatjets.

Die geschätzten Kosten für das Luxus­resort belaufen sich auf bis zu 4 Milliarden Dollar; das Geld soll vor allem aus den Golf­staaten kommen. Die Al-Khayyat-Brüder, zwei syrische Milliardäre, die von Katar aus ein Immobilien­imperium aufgebaut haben, gelten als wichtigste Co-Investoren des Projekts. Jared Kushner, der kürzlich noch für Trump im Nahen Osten vermittelte und eine private Investment­firma führt, pflegt enge Kontakte in die Golfregion.

Was bisher wenig bekannt ist: Eine Schlüssel­rolle spielt auch ein Schweizer Unternehmer.

Der Schweizer Baulöwe Behgjet Pacolli

Am 17. September 2019 verkündete Albaniens Minister­präsident Edi Rama stolz, dass sein Land bald Hundert­tausende Bade­touristinnen empfangen werde. Rama sprach von einem neuen internationalen Flughafen bei Vlora, einer Hafen­stadt im Süden. Das Ferienziel zieht auch Schweizer an und der Tourismus wächst rasant.

Noch vor wenigen Jahren war dort die Küste wild und unberührt. Viele der kilometer­langen Strand­abschnitte am Fuss des Llogara-Massivs sind steinig und umspült von karibik­blauem Wasser; dichte Pinien­wälder und pink leuchtende Oleander­büsche säumen die Wege ans Meer. Im Sommer ziehen sich Hunderte Albanerinnen an die Küste zurück, um der Hitze zu entkommen.

Doch bald sollen die Strände nicht mehr allen gehören.

Denn wenn Rama auf die Küste blickt, sieht er ein Geschäft. Geht es nach ihm, werden dort bald vor allem wohl­habende Gäste ihre Sommer­ferien verbringen.

Von derartigen Investitionen profitiere das ganze Land, sagt er.

Der Flughafen sollte aber auch dem Kushner-Luxus­resort den Weg ebnen. Denn Reiche wollen dort Ferien machen, wo sie schnell wieder weggehen können. Deshalb brauchte es eine Anbindung an die Luftfahrt.

Die zentrale Figur hinter dem Flughafenprojekt ist Behgjet Pacolli, ein schweizerisch-kosovarischer Bauunternehmer. Und ehemaliger Aussen­minister und Präsident des Kosovo.

Am 20. April 2021 unterzeichnete die albanische Regierung den Konzessions­vertrag und beauftragte ein Konsortium aus türkischen und Schweizer Investoren, den Flughafen zu bauen. Fast 60 Prozent der Anteile hat dabei die Mabetex-Gruppe erhalten – eine Baufirma mit Sitz in Lugano, die Behgjet Pacolli gehört.

Edi Rama erhoffte sich vom Flughafen nicht nur Hunderte neuer Arbeits­plätze, sondern auch weitere Touristen­ströme; die Regierung rechnet mit 600’000 Passagie­rinnen pro Jahr.

Und Pacolli, der auch den Kreml in Moskau renoviert hatte, bekam die Zusage für ein weiteres Prestige­projekt. «Es macht mich sehr glücklich, dass dieses grossartige Projekt in der Stadt verwirklicht wird, die mir so sehr am Herzen liegt», sagte er 2021 bei der Eröffnungs­zeremonie. «Es wird der schönste und zugleich funktionalste Flughafen dieser Region werden.»

Doch was Rama als Vorzeige­projekt auf dem Balkan angekündigt hat und Albaniens Wirtschaft ankurbeln soll, beunruhigt viele Tier- und Natur­schützer. Denn wie das Kushner-Projekt soll auch der Flughafen im Vjosa-Narta-Delta gebaut werden, einem Naturschutz­gebiet, das zu den wichtigsten Küstenfeucht­gebieten der Adria zählt. Mehr als 200 Vogelarten leben da, darunter Flamingos, die den Massen­protesten in Albanien ihren Namen gegeben haben: Flamingo-Revolution.

Im Gegensatz zum Kushner-Resort sind der Flughafen und sein Schweizer Bauherr Pacolli aber kaum in den Schlag­zeilen. Dabei macht er das Resort überhaupt erst möglich.

«Kushners Projekt gäbe es nicht, wenn der Flughafen nicht wäre»

Es ist ein stickig heisser Juni-Tag in Tirana. Der Menschen­rechts­anwalt Dorian Matlija sitzt im klimatisierten Büro; er ist 50 Jahre alt, trägt schulter­langes, graumeliertes Haar und raucht ununterbrochen. Zusammen mit einem Team aus Anwältinnen wehrt er sich seit 2023 gegen den Pacolli-Flughafen; sie vertreten dabei zwei Umwelt­organisationen, finanziert von der deutschen Stiftung Euronatur.

Matlija sagt: «Kushners Projekt gäbe es nicht, wenn der Flughafen nicht wäre.»

Als Pacollis Grossflughafen im November 2021 in den Bau ging, habe die Bewilligung noch gefehlt, erzählt der Anwalt. Sie sei erst ein gutes Jahr später gekommen, im Februar 2023.

Die Insel Sazan, einst militärischer Aussenposten, ist heute Teil des Marinen Nationalparks Karaburun-Sazan.
Bauarbeiten auf dem Gelände des geplanten internationalen Flughafens in der Nähe von Vlora, nördlich der Narta-Lagune. Ilir Tsouko

Auch als Matlija und seine Anwälte vor drei Jahren zwei Klagen gegen den Schweizer Unternehmer und mehrere albanische Ministerien einreichten, hielt niemand die Bagger an. «In Albanien gab es lange keine Hand­habung für umwelt­rechtliche Anliegen. Nachdem Gerichte mehrere Wasserkraft­projekte im Vjosa-Nationalpark verhindert hatten, sah es kurz so aus, als würde sich das ändern», sagt Matlija. «Aber der Flughafen warf uns zurück an den Anfang.»

Was er damit meint? Um die Baubewilligung für den Flughafen zu bekommen, musste die Regierung die Fläche auszonen. Per Verordnung zog sie die Grenzen des Vjosa-Narta-Schutz­gebiets neu. Gegen diese Revision klagte Matlija, doch ein Urteil steht bis heute aus.

«Es ist ein Kampf, der wohl noch Jahre dauern wird», sagt er.

Albanische Richterinnen scheuten davor zurück, den Fall zu übernehmen. Er sei politisch zu brisant. Deshalb reichten Matlija und seine Kollegen den Fall im März am Europäischen Gerichtshof für Menschen­rechte in Strassburg ein, wie er erzählt.

Inspiriert von den Schweizer Klima­seniorinnen argumentiert er, das Naturschutz­gebiet zu erhalten sei auch eine Menschen­rechts­frage. Strassburg hat bisher noch nicht darauf geantwortet.

Bauherr Pacolli muss das Urteil aus Strassburg nicht fürchten. Denn inzwischen ist der Flughafen laut Medien­berichten fertiggebaut. Und hat wertvolle Natur­flächen in einem der bedeutendsten Ökosysteme der östlichen Adria zerstört, wie die Stiftung Euronatur schreibt. Wann der Flughafen eröffnet werden soll, ist aber noch unklar.

Eine für den Juni geplante feierliche Eröffnung sagte die Regierung ab. Zum einen fehlen die Betriebs­bewilligungen, zum anderen streiten die Investorinnen über die Anteile am Flughafen. Die beiden beteiligten Unternehmen werfen sich gegenseitig Betrug und Korruption vor und gehen gerichtlich gegen­einander vor. Wie kürzlich publik wurde, hat sich nun aber auch die unabhängige albanische Anti-Korruptions-Staats­anwaltschaft eingeschaltet.

Ihr Verdacht: Wer die Konzession für den Bau des Flughafens bekam, soll bereits vor der Vergabe festgestanden haben.

Solange diese rechtlichen Streitereien und Unter­suchungen andauern, darf kein Flugzeug Vlora anfliegen. «Was wir mit unseren Umwelt­anliegen nicht geschafft haben, haben sie nun selbst hingekriegt», sagt Anwalt Matlija.

Auch beim Kushner-Resort ermitteln die Behörden inzwischen wegen Korruption.

Derweil gehen in Albanien weiterhin Tausende auf die Strasse. Was als Kampf für ein Naturschutz­gebiet begann, entwickelte sich zu einer Massen­bewegung, die gegen die Regierung und all ihre Verfehlungen protestiert. Der Kushner-Deal und der Flugplatz stehen für grössere Probleme: Korruption und Oligarchie.

Ministerpräsident Edi Rama zeigt sich bisher jedoch unbeeindruckt von der Flamingo-Revolution. Weder die nicht abreissenden Proteste noch die Unter­suchungen der Anti-Korruptions-Behörde scheinen ihn von seiner Vision abbringen zu können: Rama will Südalbanien mithilfe von inter­nationalen Gross­investoren wie Jared Kushner in eines der beliebtesten Ferien­ziele in Europa verwandeln.

Er hält an den Plänen für die «architektonische Renaissance» Albaniens fest. Geht es nach ihm, ist der neue Flughafen in Vlora erst der Anfang.



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