
Wie ein Flötist aus Albanien Teil des Blockbusters Odyssee wurde
Vertrag nicht richtig gelesen
Danach hätten der Schwede und sein Team ihre Mikrofone und Aufnahmegeräte wieder eingepackt, sie gingen gemeinsam essen, und Kapaj habe einen Vertrag vorgelegt bekommen, den er unterschrieb, ohne ihn genau zu lesen. Seither habe er von dem Schweden nichts mehr gehört und die Begebenheit fast schon vergessen. Bis vor einer Woche ein unglaublicher Medienrummel losging und allerhand Menschen, Vendim Kapaj auf seine Flöte ansprachen.
Das hatte mit dem Kino-start einer 250 Millionen teuren Hollywood-Produktion zu tun. Vergangene Woche, am 17. Juli, kam Christopher Nolans Verfilmung von Homers antikem Klassiker „Odyssee“ weltweit in die Kinos, mit dabei die Superstars Matt Damon, Anne Hathaway, Zendaya und Robert Pattinson. Während sich das Feuilleton überschlägt und man überall Rezensionen zu Nolans neuem Film lesen kann (auch vergangene Woche in profil), wird Kapaj plötzlich von den albanischen Medien überrannt. Fernsehsender zeigen den Screenshot jener Solisten, die am Soundtrack mitgewirkt haben. Einer davon ist James Blake, ein britischer Popsänger, der mit seinem Song „Retrograde“ geschätzt über 140 Millionen Streams verzeichnet hat. Und auf der kurzen Liste steht auch: Fyell – Vendim Kapaj.
Jetzt erst versteht der 67-Jährige, zu welchem Zweck der unbekannte Schwede sein Flötenspiel aufgenommen hatte. Kapaj beteuert, bei dem Treffen in der Derwisch-Tekke nichts von einem Film gewusst zu haben. Er habe einfach nur das gemacht, was er immer tut, wenn Menschen ihn freundlich darum bitten: Er hat die Flöte an die Lippen gesetzt und gespielt. Und jetzt findet er seine Musik im Soundtrack eines Films wieder! Man könnte meinen, dass Kapaj sich vor den Kopf gestoßen und hintergangen fühlt. Aber Kapaj ist weder nachtragend noch sauer. „Ich bin stolz und glücklich, weil ich mein Land nach Hollywood gebracht habe“, sagt er.
Der Schwede, der im Juli 2025 nach Südalbanien gekommen war, ist der Starkomponist Ludwig Göransson, ausgezeichnet mit drei Oscars, sechs Grammys, zwei Golden Globe Awards und zwei Emmys. profil hat ihm für diese Geschichte eine schriftliche Anfrage geschickt, ihn bis Redaktionsschluss aber nicht für eine Stellungnahme erreicht.
Auch Göransson bekommt, wie Kapaj, in jungen Jahren sein erstes Musikinstrument geschenkt: eine E-Gitarre. Als ein Symphonieorchester seine erste Komposition aufführt, ist Göransson 16 Jahre alt. Er studiert an der Musikhochschule, zieht bald nach Los Angeles und wird Filmkomponist. Zuletzt komponierte er die Musik für „Oppenheimer“, ebenfalls ein Werk des britisch-amerikanischen Regisseurs Christopher Nolan.
Kapaj will nicht verraten, wie viel er für die Aufnahme im vergangenen Sommer bekommen hat. Das sei seine private Angelegenheit, meint er. Allzu viel dürfte es nicht gewesen sein, denn im Lauf des Gesprächs räumt er ein, dass er bei so mancher Hochzeit in Albanien besser bezahlt worden sei. Kapaj bezieht eine Pension von 100 Euro im Monat. Und das auch nur deswegen, weil er sich vor einigen Jahren noch einmal kurz bei der Gemeinde anstellen ließ. Er hatte im Lauf seines Lebens keine Sozialabgaben oder Steuern bezahlt, was im Albanien der 1990er- und 2000er-Jahre nach dem Zusammenbruch des Kommunismus nicht unüblich war. Um wenigstens einen Anspruch auf eine Mindestpension zu haben, arbeitete er zuletzt zweieinhalb Jahre bei der Gemeinde Vlora, einer Hafenstadt am Meer, als Müllmann.
Von seiner Pension könne er nicht leben, meint er. Die 100 Euro gingen direkt für Strom und Wasser drauf. „Zum Glück habe ich meine Kinder“, sagt er. Sie kümmerten sich um ihn, er führe ein gutes Leben. „Die Medien in Albanien stellen mich so dar, als hätte ich kein Geld. Das stimmt nicht. Ich bin ein zufriedener Mensch“, sagt er. Eine seiner Töchter, erzählt er stolz, hat Psychotherapie in Wien studiert. Eine zweite arbeitet für die Staatsanwaltschaft. Als Kapaj in die Familien-WhatsApp-Gruppe schrieb, dass seine Musik im neuen Film von Christopher Nolan zu hören ist, antwortete eine der Töchter: „Was für ein Zufall, ich lese gerade das Buch.“
15 Tage zu Fuß nach Athen
Auch Kapaj kennt die Abenteuerfahrten des Odysseus, und in gewisser Weise hat auch er seine eigene Odyssee hinter sich. Sie führte ihn an unterschiedliche Orte am Mittelmeer, und sie war zeitweise von Schmerz geprägt. Nach dem Fall des Kommunismus flohen Hunderttausende Albaner als Migranten nach Italien beziehungsweise wie Kapaj nach Griechenland. Das Gefühl, fremd in einem neuen Land zu sein, die Sehnsucht nach dem eigenen Dorf, nach der Familie und der Sprache brachte ein eigenes Musik-Genre hervor, sagt Kapaj. Die Gastarbeiter machten aus ihrem Schmerz Lieder und Melodien. Im Albanischen gibt es einen Ausdruck dafür: „Migration ist schwärzer als die Krähe.“ Auch diese Schmerzenslieder hat Kapaj dem Starkomponisten aus Schweden vorgespielt. Und damit auch ein Stück seiner eigenen Biografie.
Kapaj wurde 1959 in einem Dorf namens „Kërkovë“ geboren. Von den Hügeln sieht man das Meer und Albaniens einzige Insel Sazan. Das ist jener Ort, auf dem Jared Kushner, der Schwiegersohn von US-Präsident Donald Trump, ein Luxushotel bauen will. In Kapajs Kindheit wäre so etwas undenkbar gewesen. Das Land war isoliert, und der Geheimdienst kontrollierte, wer rein und wer raus wollte. Wer floh, riskierte, erschossen zu werden. Zur Zeit der Diktatur arbeitete Kapaj in der Ölindustrie, nach dem Zusammenbruch tat er das, was viele Männer in Südalbanien machten: Er migrierte.
1991 läuft er 15 Tage lang zu Fuß von seinem Dorf bis nach Athen. Als er ankommt, sind seine Füße blutig. Im Gepäck hat er Brot, Zucker und die 300 Jahre alte Flöte. Am Weg spielt er immer wieder auf der Straße, verdient sich so etwas Geld dazu, aber als er in Athen ankommt, hört er damit auf. Ein albanischer Freund fragt ihn damals, warum er nicht in der Metro spiele.
Kapaj antwortet: „Ich bin Künstler.“ Für ihn ist es offenbar unehrenhaft, mit Musik um Geld zu betteln. Stattdessen heuert er auf einem Camping-Platz auf der Halbinsel Peloponnes an, dem „Camping Paradise“, und putzt dort den Sandstrand. Die Besitzer sind freundlich zu ihm, aber abseits davon erfährt er viel Rassismus, weil er Muslim ist und einen für Griechen unaussprechlichen Namen hat. Er nennt sich daraufhin „Christos“, was „der Geweihte“ bedeutet, und lässt sich taufen, weniger aus Überzeugung als aus Assimilation.
Odysseus kehrte nach zehn Jahren nach Hause zurück. Bei Kapaj waren es fünf, und dann passierte das eigentliche Drama seines Lebens. Jahrzehntelang war der Kapitalismus in Albanien verboten gewesen. Dementsprechend gering war das Wissen der Bevölkerung über Geldanlagen. 1997 investierten weite Teile der Bevölkerung in betrügerische Pyramidenspiele. Kapaj verlor dabei sein gesamtes Geld, für das er so lange in Griechenland geschuftet hatte. „Es war schmerzhaft“, sagt er heute, „aber ich war ja nicht allein.“ Auf dem Höhepunkt der Pyramidenspiele hatten nach Schätzungen bis zu 75 Prozent der albanischen Familien Geld investiert – insgesamt über eine Milliarde US-Dollar.
Letzter Job: Müllmann
Kapaj beginnt wieder ganz von vorn. Er arbeitet auf Baustellen, in Bäckereien, als Fischverkäufer und ganz am Ende eben auch als Müllmann. Er ärgert sich darüber, dass jetzt ausgerechnet diese Bilder von ihm in den Medien kursieren. Und man kann ihn verstehen. Er, der meisterhafte Flötenspieler, der sein Leben lang in so vielen Jobs gearbeitet hat, wird auf diese allerletzte Tätigkeit reduziert.
Am Montag, dem 20. Juli, geht Kapaj mit seiner Familie in ein Cineplexx-Kino in der Hauptstadt Tirana. Zum ersten Mal sieht er den Film, von dem er nichts wusste und der jetzt solche Schlagzeilen macht. In einer Szene erkennt er seine Flöte wieder. Odysseus ist an den Mast eines Schiffes gefesselt, um dem verführerischen Gesang der Sirenen zu widerstehen. In den Bann gezogen von den Gesängen, fleht er seine Männer an, sie sollen seine Fesseln lösen. Aber die denken nicht daran. Odysseus schreit seinen schier unerträglichen Schmerz hinaus. In diesem Moment ertönt, von dem Geschrei und dem Lärm fast überdeckt, schemenhaft zarte Musik: Kapajs Zauberflöte.
